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Psychotherapie
Glofke-Schulz

Interviews




1. Sehenden die Welt der Blinden näher bringen


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Erschienen in Bayern2, 05.05.2010, Eins und Eins der Talk


2. Interview Ansicht 4/09


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Erschienen in Ansicht 4/09, Ansicht, das Audiojournal des DVBS


3. Interview mit Ina Schicker


Für eine gleichberechtigte Partnerschaft

Gespräch mit der blinden Diplompsychologin Eva-Maria Glofke-Schulz über Menschen mit Behinderung im Gesundheitswesen

Behinderte leiden in unserer modernen Gesellschaft noch immer unter unterschiedlichsten Formen der Stigmatisierung. Und selbst die Beziehung zwischen medizinischem Fachpersonal und Patientinnen ist hiervon nicht immer frei. Die Diplompsychologin Eva-Maria Glofke-Schulz aus Rosenheim kennt diese Situation von zwei Seiten - als Psychotherapeutin und aus eigener Betroffenheit. Sie ist infolge einer degenerativen Augenerkrankung (Retinopathia pigmentosa) als junge Erwachsene langsam erblindet. In ihrem Buch „Löwin im Dschungel. Blinde und sehbehinderte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung“ setzt sie sich am konkreten Beispiel „Blindheit“ wissenschaftlich fundiert und persönlich engagiert mit den verschiedensten Facetten des Umgangs mit Behinderung auseinander.

Frau Glofke-Schulz, Ihrer Erfahrung nach machen Menschen mit Behinderungen nicht nur mit naiven Mitmenschen, sondern auch mit medizinisch und psychologisch ausgebildeten Fachleuten oft negative und frustrierende Erfahrungen.
Was sind das für Erlebnisse? Welche Fehler kommen im Umgang mit Menschen mit Behinderung besonders häufig vor?


Menschen mit Behinderungen berichten oft, dass auch medizinische Fachleute ihnen befangen und unsicher begegnen. Es wirkt so, als bestünden wenig Wissen und Erfahrung darüber, was Behinderung ist, vor allem aber auch, was Behinderung nicht ist. Reale Nöte werden oft ebenso übersehen wie Kompetenzen und Fähigkeiten der Betroffenen.
Diese beklagen häufig eine herablassende, mitleidsvolle, überfürsorgliche oder uneinfühlsame Haltung der so genannten „Profis“ oder schlichtweg Ratlosigkeit. Sie vermissen einen gleichberechtigten, vorurteilsfreien Kontakt, fühlen sich manchmal auf ihr organisches Defizit reduziert und nicht als ganze Menschen wahrgenommen.


Inwiefern hat dies mit Stigmatisierung zu tun?

Aus zahlreichen Studien wissen wir inzwischen, dass auch medizinische Fachleute (die in ihren Ausbildungen auf dieses Arbeitsgebiet meist wenig vorbereitet werden) keineswegs frei sind von den gleichen unbewussten Vorurteilen, inadäquaten Einstellungsmustern und Stigmatisierungsneigungen, wie sie in der Allgemeinbevölkerung leider immer noch grassieren: Ambivalenz zwischen originären affektiven und sozial erwünschten Reaktionen, Schuldgefühle, Ängste, Fixierung auf die Behinderung als angeblich zentrales Charakteristikum des Betroffenen, Mitleid, Abwertung, Leidenserwartung etc. Das führt natürlich zu erheblichen Interaktionsspannungen.
Trotz aller positiven Bestrebungen um gleichberechtigte Teilhabe beobachten wir leider auch neue Formen von Behindertenfeindlichkeit, etwa im Wiedererstarken alten eugenischen Gedankenguts in technologisierter Form. Denken Sie bitte an die wachsende Zahl von Spätabtreibungen behinderter Föten oder an die ärztlichen Ratschläge an behinderte Frauen, sie sollten auf ihren Kinderwunsch verzichten.


Was sind mögliche Gründe für ein derartiges Verhalten?

Diese und andere Fehlhaltungen haben eine lange Tradition, die nur mühsam auszurotten ist. Sie gründen tief im Unbewussten und sind dadurch schwer korrigierbar. Wie der kritische Mediziner Horst Eberhard Richter mit seinem Konzept des „Gotteskomplexes“ beschrieben hat, tut sich der Mensch der Neuzeit sehr schwer, mit Schwäche, Unvollkommenheit, Verletzlichkeit und Sterblichkeit, die aber nun mal zum Leben gehören, umzugehen. Hinzu kommen natürlich wirtschaftliche Gründe in einer Welt, in der ökonomisches und Nützlichkeitsdenken immer mehr vorherrschen, in der Konkurrenzkampf gnadenloser wird.
Ein wichtiger Faktor ist sicher auch, dass behinderte Menschen sehr lange aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt wurden, so dass ein selbstverständliches Miteinander im Kontakt nicht erlernt werden konnte. Daran knabbern wir auch im 21. Jahrhundert noch.


Wie können Medizin-Profis solche Fehler vermeiden?

Wollen Ärzte oder Therapeuten solche Fehler vermeiden, kann es nicht nur um Verhaltensänderung an der Oberfläche gehen. Vielmehr ist es wichtig, die eigenen Einstellungen selbstkritisch zu hinterfragen, natürlich auch in Bezug auf das eigene Leben. Denn auch ein Arzt hat nicht ewige Jugend und Schönheit gepachtet und muss sich mit seiner eigenen Verletzlichkeit und Sterblichkeit auseinandersetzen, auch wenn seine Sozialisation und sein Image solchen Einsichten manchmal im Wege stehen.
Nötig ist eine große Offenheit darüber, zu hören und verstehen zu wollen, was Menschen mit Behinderungen über ihr Leben und Erleben, über ihre Nöte und Stärken berichten. Mit meinem Buch versuche ich, die Leser genau darüber umfassend zu informieren, Neben der Sichtung und Bewertung umfangreichen wissenschaftlichen Materials lasse ich viele Betroffene zu Wort kommen. Im Grunde wäre es ganz einfach: Öffnern Sie sich für neue Erfahrungen und reduzieren Sie niemanden auf seine Behinderung.


Welche Bedürfnisse von behinderten Menschen sollten medizinische Fachleute stärker wahrnehmen?

Behinderte Menschen wollen als gleichberechtigte Interaktionspartner ernst genommen und als Persönlichkeiten mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren Kompetenzen und Anliegen wahrgenommen werden. Sie möchten über die medizinischen Aspekte ihrer organischen Schädigung umfassend aufgeklärt, aber nicht bevormundet werden. Dazu braucht es Zeit und keine Drei-Minuten-Abfertigung am medizinischen Fließband.

Wie können Gesundheitsprofis sie sinnvoll unterstützen?

Sie helfen Betroffenen am meisten mit einer offenen, fragenden und vorurteilsfreien Haltung. Wichtig ist, ein Ohr auch für die sozialen und seelischen Belange zu haben und etwa einen Sehbehinderten Menschen nicht als „Sehrest auf Füßen“ zu behandeln, um es einmal überspitzt zu formulieren.
Vermitteln Sie Kontakte zu Selbsthilfegruppen, ohne den Betroffenen dahin abzuschieben. Sehen Sie seine Nöte, aber trauen Sie ihm auch etwas zu. Vielen hilft übrigens eine gesunde Portion Humor zu Entkrampfung der Situation. Sollte eine gewisse Befangenheit anfangs bleiben, stehen Sie ruhig dazu, geben Sie sich nicht betont locker - das macht alles nur noch schlimmer.
Vielleicht gelingt es Ihnen, ins Gespräch darüber zu kommen, dass die Auseinandersetzung mit einer Behinderung auch eine positive Herausforderung sein kann. Jede Krise enthält eine Chance zur Weiterentwicklung und Bereicherung, und eine solche Sicht kann viel Angst nehmen und Hoffnung vermitteln. In dieser Hinsicht können Nichtbehindert von Menschen mit Behinderungen eine Menge lernen.


Was muss sich gesamtgesellschaftlich verändert, damit Behinderte unbelasteter leben können?

Das ist ein weites Feld, denn im Grunde müssten wesentliche Grundpfeiler unserer westlichen Kultur ins Wanken geraten, zum Beispiel Leistungs- und Konkurrenznormen, Jugendlichkeitsideale etc.
Besonders wichtig scheint mir, mit jeder Form von Ausgrenzung aufzuräumen, damit es überhaupt im Alltag zu Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderungen kommen kann. Integrative Kindergärten und Schulen sind da vorrangig, aber natürlich auch die Ermöglichung barrierefreier Teilhabe Erwachsener am beruflichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben.
Eine solche Entwicklung würde allen Beteiligten etwas abverlangen, doch würden auch alle davon profitieren im Sinne von Humanisierung, Solidarität, zwischenmenschlichem Kontakt und der Entwicklung von Werten, die der Gesundheit jedes Einzelnen, aber auch unseres bedrohten Planeten gut täte.

Ina Schicker, geb. 1966, ist freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin in Füssen.
ina.schicker@t-online.de

Der Artikel ist erschienen in der Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe „Dr. med. Mabuse“, Nr. 176, November/Dezember 2008.
http://www.mabuse-verlag.de