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Psychotherapie
Glofke-Schulz

Leseproben




Die Sonne in der Seele

Wer sein Sehvermögen verliert, ob Stück für Stück oder auf einen Schlag, dem bleiben die inneren Bilder. Sie erhalten das visuelle Vorstellungsvermögen, können aber auch bei der Bewältigung der Behinderung hilfreich sein. Die blinde Psychotherapeutin Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz erklärt, wie man die Kraft von inneren Bildern, Phantasien und Träumen nutzen kann.

„Oh, ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nach­denkt.“ (Friedrich Hölderlin)

Wollen wir uns bei der Auseinandersetzung mit unserer Seheinschränkung nicht einfach an Normen und Ansprüche anpassen, die von außen an uns herangetragen werden, wollen wir vielmehr eine selbstbestimmte und sinngebende Lebensperspektive finden, tun wir gut daran, den Blick nach innen zu richten. Nichts eignet sich – jenseits aller noch so nötigen rationalen und aktiven Bewältigungsstrategien – dafür besser als die liebevolle Beachtung unserer inneren Bilder, Phantasien und Träume. Unter dem Begriff „Bilder“ sind hier alle mentalen Vorstellungen gleich welcher Sinnesmodalität zu verstehen, es kann sich also ebenso um akustische oder taktile wie um visuelle Inhalte handeln.

Wie wir wissen, folgt die Verarbeitung eines krisenhaften Ereignisses, etwa des Eintretens einer Behinderung, bestimmten psychologischen Gesetzmäßigkeiten. Phasenmodelle beschreiben regelhafte Abläufe verschiedener Bewältigungsstadien. Man unterscheidet üblicher­weise Phasen der Unwissenheit bzw. des Nichtwahrhabenwollens, der Aggression, Verhandlung, Trauer, Annahme, Aktivität und Solidarität, die in je unter­schiedli­cher Ausprägung, Reihen­folge und Wiederholung auf verschiedenen Bewältigungsniveaus das Erleben und Handeln des Betroffenen bestimmen. Diese Beschreibung lässt jedoch offen, durch welche inneren Kräfte und Ressourcen wir in diesem Verarbeitungsprozess vorankom­men. Was hilft uns, nicht in einer der Phasen steckenzubleiben?

Die Kraft innerer Bilder nutzbar zu machen, gehört zu den ältesten Formen des Heilens. Der berühmte Arzt und Philosoph Para­celsus (1494-1541) schreibt: „Der Mensch besitzt eine sichtbare und eine unsichtbare Werkstatt. Die sichtbare, das ist sein Körper. Die unsichtbare, das ist seine Imagination (Geist). Die Imagination ist die Sonne in der Seele des Menschen. Der Geist ist der Meister, die Imagination sein Werkzeug und der Körper das formbare Material.“

Bei der Behandlung psychischer Störungen nach Traumatisierung, zum Beispiel durch Gewalt oder Naturkatastrophen, ist der Einsatz ressourcenaktivierender imaginativer Techniken längst Standard. Den Fundus wertvoller Übungen können wir uns auch für die Bewältigung unserer Sehbehinderung nutzbar machen. Lassen Sie sich dazu einladen, eine der folgenden Übungen auszuprobieren:

1. Der sichere innere Ort: Stellen Sie sich (unter Einbeziehung aller Sinnesqualitäten) einen Ort vor, an dem Sie sich wohl, sicher und geborgen fühlen. Niemand außer Ihnen hat Zutritt zu diesem Ort. Das mag eine behagliche Berghütte sein, eine stille Waldlichtung oder ein Himmelbett in einem Barockschloss. Wann immer Stress und Belastung zu groß werden, ziehen Sie sich für einige Zeit dorthin zurück, um Ruhe zu finden und Kraft zu schöpfen.

2. Die inneren Helfer: Finden Sie den „Arzt in sich selbst“ und fragen ihn um Rat, denn Sie selbst sind der beste Experte für die Lösung Ihrer Probleme. Wie im Märchen tauchen innere Helfer in der Phantasie und im Traum gern als Tiere, Schutzengel oder Fabelwesen auf. Vielleicht hatten Sie als Kind ein Stofftier als treuen Begleiter, der Sie liebevoll beraten kann. Treten Sie im inneren Dialog in Kontakt mit diesen hilfreichen Wesen, wenn Sie Antwort auf eine schwierige Lebensfrage suchen. Mit der Zeit können Sie sich ein ganzes "inneres Team" zusammenstellen, das Ihnen bei Bedarf zur Seite steht.

3. Der Tresor: Nicht jedes Problem kann sofort (oder überhaupt) gelöst werden. Um sich von einem solchen Problem zeitweise zu distanzie­ren und sich nicht lähmen zu lassen, ist es wichtig, bewusst verdrängen zu können. Stellen Sie sich das Problem oder das unbewältigte Erlebnis als Gegenstand vor (Paket, Filmrolle etc.). Schließen Sie diesen Gegenstand in einen Tresor ein und verwahren Sie den Schlüssel an einem sicheren Versteck. So wissen Sie ihn gut aufgehoben und können ihn bei Bedarf hervorholen (etwa wenn das Problem zur Bearbeitung ansteht). Auf diese Weise können Sie sich zeitweise entlasten und schützen sich davor, sich in sinnlosen Grübelzirkeln zu verlieren.

Hilfreiche innere Bilder und Phantasien zu finden, ist eine Fähigkeit, die jedes Kind von Natur aus besitzt, die wir als Erwachsene oft jedoch erst in uns neu beleben müssen. Dazu eignen sich alle Formen der Entspannungstechnik, Meditation, Tagtraumphantasie sowie die Anregung durch Märchen und Mythen. Besonders groß ist der Reichtum an solchen Bildern im nächtlichen Traumgeschehen.

Im Schlaf sind wir von Außenreizen, Alltagsaufgaben sowie sozialen Normen weitgehend abgeschirmt. Diesen Freiraum nutzt die Seele zu intensiver Arbeit: Nahm Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, noch an, der Traum diene in erster Linie dem Ausdruck kindlicher Triebwünsche, so wissen wir heute, dass er verschiedenste schöpferische, informationsverarbei­ten­de, konfliktlösende und das Selbstwerterleben regulierende Auf­gaben erfüllt. In ihm werden Erfahrungen organisiert, Gefühle ausgedrückt und inte­griert. Er stellt eine Selbstwahr­nehmung in die Tiefe dar, zeigt Lösungswege und Entwicklungsmöglichkei­ten auf. Diese Fähigkeiten können wir für die seelische Verarbeitung unserer Behinderung intensiv nutzen.

Traumbilder sind individuell und oft so verschlüsselt, dass wir unse­ren Einfällen lange folgen müssen, bis wir sie verstehen. Der Gedan­ken­austausch mit einem in der Traumarbeit erfahre­nen Psychotherapeu­ten kann sehr hilfreich sein. Denn Träume spiegeln nicht nur den jeweili­gen Stand der Auseinandersetzung mit der Behinderung, sondern bieten auch Lösungswege an. Beson­ders wichtig ist, innere Helfer (s.o.) auf­zuspüren, etwa eine freundliche Löwin, die aus dem Gebüsch kommt und sich als ortskundige Führerin anbietet, wenn jemand im Traum einen gefährlichen, scheinbar undurchdringlichen Dschungel durch­queren muss. Innere Hilfsfiguren tauchen oft schon zu Beginn des Bewältigungsprozesses auf, können jedoch manchmal noch nicht ihre Funktion ausüben. So träumte jemand, ein Delphin („Führ­hund des Meeres“) wolle ihm helfen, sei aber selbst einge­froren und gelähmt.

In der Phase des Leugnens oder Nichtwahrhabenwollens kommt die Erkran­kung bzw. das Nichtsehen im Traum meist nicht vor. Allmählich auftauchende Bedrohungsszenen (Einbrecher, Bank­räuber oder andere Angreifer) weisen darauf hin, dass die Leugnung nicht aufrechterhalten werden kann. Erst später kann der drohende Sehver­lust unverhüllt erscheinen, wenn etwa jemand träumt, eine schwarze Gestalt drohe ihm, mit dem Dolch die Augen auszustechen. Hier wird auch die Aggression als eine der Bewältigungs­phasen spürbar. Kann sich der Träumer erstmals als sehbehindert oder blind inszenie­ren, weist dies auf eine allmähliche, wenn auch noch zwie­spältige Annäherung an die Behinderung hin, meist verbunden mit einer Mi­schung aus Beunruhigung und Erleichterung.

Angst und Hoff­nung, Be­drohung und Zuversicht, Wissen um den Verlust bisheri­ger Fähigkeiten und Vertrauen in die eigenen Kräfte und Ressour­cen liegen in der Phase der auf­brechen­den Emotionen nah beieinander. Wer­den die seelischen Erschütterungen sensibel angenom­men, kann die emotionale Überflutung (gern dargestellt in Über­schwem­mungsträumen) nach und nach einem inneren Frieden mit der Behinderung, die nun in die Persönlichkeit integriert werden kann, Platz machen. Diese psychische Heilung mag im Traum Ausdruck finden, wenn eine weite Reise erfolgreich beendet, ein baufälliges Haus liebevoll renoviert, etwas Zerbrochenes zusammen­gefügt wurde. Neue, spannende und sinngebende Lebensräume erschließen sich, und die Behinderung kann (in den Phasen der Aktivität und Solidarität) transzendiert werden. So träumte eine erblindete Frau, dass sie wegen ihrer Behinderung als Nomadenfrau aus ihrem Stamm vertrieben wurde, um nach langer, beschwerlicher Reise und Lehrzeit in ihre Heimat zu­rückzu­kehren, wo sie als Heilerin wieder aufgenommen wird.
Möge dieser kurze Überblick Sie ermutigen, sich auf die manchmal verwirrende oder ängstigende, jedoch heilsame und bereichernde, oft sogar beglückende Welt Ihrer inneren Bilder einzulassen! Wenn Sie dieses Geschenk Ihrer Seele liebevoll annehmen, kann es Sie sicher durchs Leben geleiten - auch durch ein Leben mit Behinderung.

Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz (52) ist Psychotherapeutin und seit vielen Jahren in Folge einer Retinitis pigmentosa erblindet.

Buch-Tipp zur Vertiefung:

Eva-Maria Glofke-Schulz:
Löwin im Dschungel. Blinde und sehbehinderte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung
Psychosozial-Verlag
Preis: 34,90 Euro
Bestellungen als DAISY-CD mit Schwarzschriftexemplar beim DVBS,
Tel.: 0 64 21 / 948 88-17
E-Mail:
info@dvbs-online.de
(auch ausleihbar über alle Medibus-Bibliotheken)

Das behinderte Kind - ein Schadensfall?

Eugenisches Denken ist auch im 21. Jahrhundert nicht überwunden.

Vorbemerkung der Redaktion

Im Jahre 2002 verurteilte der Bundesgerichts­hof (BGH) der Bundesrepu­blik Deutschland eine Gynäkologin in höchst­richterlicher Instanz rechts­kräftig zur Zahlung von Schmerzensgeld und Scha­densersatz (in Form von Un­terhalts­zahlungen) an die Eltern eines behin­derten Kindes. Wie neuere Rechtsprechungen, nun auch in Österreich, zeigen, handelt es sich bei diesem Urteil nicht um einen Einzelfall oder um eine inzwischen über­wundene ethische und rechtliche Auffassung. Im folgenden fasst die im Behindertenwesen seit Jahrzehnten engagierte blinde Diplom-Psychologin, Autorin des Buches: "Löwin im Dschungel. Blinde und sehbehinderte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung" (Psychosozial-Verlag, Gießen 20071 die damaligen Fakten zusam­men, um dann zu diesem ethisch heiklen Problem aus ihrer Sicht als Psychotherapeutin und behin­derter Frau Stellung zu nehmen.

I. Was ist geschehen?

Der Pressemitteilung Nr. 60/2002 des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe vom 18. Juni 2002 ist zu entnehmen:
Der unter anderem für das Arzthaftungsrecht zuständige 6. Zivilsenat des BGH hatte über die Klage eines Ehepaars gegen die eine Schwangerschaft der Ehefrau betreuende Frauenärztin auf Schadensersatz zu entscheiden. Die Eltern des mit schweren Missbildungen der Ex­tremitäten geborenen Kindes verlangten nicht nur Unterhaltszahlungen als Schadensersatz, son­dern darüber hinaus Schmerzensgeld. Der Gynäkologin wurde vorgewor­fen, die Fehlbil­dungen pflichtwidrig nicht erkannt zu haben; bei Kenntnis der Behinderung hätten sich die Eltern für einen Schwanger­schaftsabbruch entschieden. Eine Spätabtreibung ist nach gelten­dem deutschen Recht gemäß der sogenannten medizinischen Indikation dann zulässig, wenn das Wohl der Mutter auf dem Spiel steht. Hierzu wurde offenbar ins Feld geführt, dass bei ihr angesichts der sehr schweren Behinderung des Kindes die Gefahr eines Suizidversuchs als auch einer schwerwiegen­den Beein­trächtigung des seelischen Gesundheitszustandes zu befürchten gewesen sei. Nach der Geburt des Kindes sei dann tatsächlich eine krank­heits­wertige depressive Symptomatik aufgetreten. Dieser postulierte gesund­heitliche Schaden für die Mutter sei anderweitig nicht abwendbar gewesen. Von der Mutter könne während der gesamten Dauer der Schwan­gerschaft nicht verlangt werden, die eigenen existentiellen Belange und Rechts­positionen denen des Kindes aufzuopfern. Bei der Abwägung der Inter­essen der Mutter und dem Lebensschutz für das ungeborene Kind wurde also dem Interesse der Mutter Priorität eingeräumt. Weiter heißt es in der Pressemitteilung: "Vom Schutzzweck des Behandlungsver­trages (Anm.: zwischen Mutter und Gynäkologin) sei in Fällen wie dem vor­liegenden, in denen die schwerwiegenden Gefahren für die Mutter gerade auch für die Zeit nach der Geburt drohten, auch die Vermeidung von Belastungen umfasst, die durch das Haben des Kindes drohten, das heißt auch Unter­haltsaufwendun­gen. Auf diese erstrecke sich daher auch die Ersatzpflicht der Beklagten".

II. Stellungnahme

Mir ist klar, dass es zu dem hier vorgestellten Gerichtsurteil sehr unter­schiedliche Bewertun­gen gibt und dass die Gefahr besteht, das Thema übermäßig zu emotionalisieren oder zu ideologisieren. Meine nun folgen­den Überlegungen mögen vor diesem Hintergrund als Denkanstöße zu einer kontroversen und hoffentlich fruchtbaren Diskussion verstanden werden:

1.
Dass ein ärztlicher Kunstfehler grundsätzlich Anspruch auf Schadensersatz und ggf. Schmer­zensgeld nach sich zieht, dürfte unstrittig sein. Problema­tisch ist allerdings die Durchsetzung einer Schadensersatz­forde­rung durch alle Gerichtsinstan­zen dann, wenn daraus weiterer Scha­den entsteht, in diesem Falle für das behinderte Kind, das nicht selbst der Kläger ist. Möglicher­weise hat die Gynäkologin ihre ärztliche Sorgfalts­pflicht ver­letzt. Sie hat al­lerdings weder selbst eine Schädigung hervor­gerufen noch die Heilung einer bei rechtzeitiger Erken­nung behandelbaren Erkrankung verhindert. Der Kunst­fehler bestand lediglich darin, eine bereits eingetre­tene Schädi­gung des Embryos nicht zu erkennen oder zu verschweigen. Damit verhin­derte sie (wissentlich oder unwissentlich) eine Spät­abtrei­bung. Darf daraus das Recht abgeleitet werden, der Ärztin die Ge­samtver­antwor­tung für die Existenz eines zur "schadhaf­ten Ware" degradierten Kindes zuzuschie­ben? Dieses zu tun, entspräche einer (sich etwa im deut­schen Honorar­ver­tei­lungssystem für Ärzte widerspie­gelnden) Tendenz im Gesundheits­wesen, das Morbiditätsrisiko immer mehr von den Betroffenen und ihren Versicherungen weg hin zur Ärzte­schaft zu ver­lagern. Mir scheint, das Gericht suggeriert mit seiner Argu­menta­tion, Eltern hätten ein Recht auf perfek­ten Nachwuchs so wie etwa beim Kauf eines Autos auf ein TÜV-geprüftes, fehlerfreies Produkt sowie auf Ge­währleistungsansprüche bei Lieferung einer mangelhaften Ware. Nicht von unge­fähr benutze ich hier ein der Kon­sumwelt entlie­henes Vokabular.

2.
In ähnlicher Weise schieben die Eltern die Verantwortung für die see­lischen Reaktionen auf die Geburt ihres behinderten Kindes ab. Ver­ständ­licherweise dürfte die Konfrontation mit einer schweren Behinderung ihres neugeborenen Kindes bei fast allen Eltern seelische Reaktionen und Krisen auslösen. Doch tragen die Eltern und ihr soziales Umfeld die Ver­antwor­tung dafür, mit ihren Gefühlsreaktionen umgehen zu lernen. So wie nie­mand ein Recht auf perfekten Nachwuchs hat, hat auch kein Mensch auf Erden ein Recht auf ein krisen- und sorgen­freies Leben ohne Anforde­rungen und Nöte - das wäre ebenso wie das Abschiebendürfen von Ver­antwortung Anspruch einer infantilisierten "Spaßgesellschaft" bzw. Aus­druck eines unrealistischen, durch Allmachtsphantasien geprägten Um­gangs mit den natürlichen Begrenzungen des menschlichen Lebens. Vol­lends absurd wird die Argumentation da, wo behauptet wird, der ins Feld geführte Schaden für die Gesund­heit der Mutter hätte anders als durch Abtreibung nicht abge­wendet werden können: Zum einen ist die Depres­sion (und zwar auch dann, wenn sie suizidale Krisen ein­schließt, eine psychotherapeutisch und notfalls auch medikamentös gut behandelbare Störung, entsprechen­de Veränderungsmotiva­tion vorausge­setzt. Mir wäre neu, dass das Leben mit einem behinder­ten Kind Eltern unheil­bar psy­chisch krank machen müsste. Zum anderen muss erwartet werden, dass die Mutter, sollte sie zu depressi­ven Reaktionen auf schwieri­ge Situationen disponiert sein, auf einen Schwangerschaftsabbruch eben­falls psychisch krank geworden wäre - zahlreiche Statistiken ebenso wie Erfahrungen aus der alltäglichen psy­chotherapeutischen Praxis belegen die hohe Rate an depressiven Reaktio­nen und anderen schweren seelischen Irritationen nach Ab­treibungen. Aus psychologischer Sicht muss hinzugefügt werden, dass depressive Symptome häufiger als gemeinhin vermutet Ausdruck narzissti­scher Kränkungen sind bzw. mit diesen verwechselt werden. So mag es das Selbstwerterleben eines hierfür anfälligen Menschen massiv erschüt­tern, wenn er/sie erfährt, dass der erwartete Nachwuchs behindert sein wird. Ein bereits zuvor labiles narzisstisches Gleichgewicht kann leicht aus den Fugen geraten, wenn sich der/die Betroffene fragt: "Bin ich nicht in der Lage, ein gesun­des Kind zur Welt zu bringen?" Sollte dem so sein, würde die seelische (narzißtische) Krise bereits durch die Mitteilung des Vorliegens einer Schädigung beim Embryo ausgelöst; dann wäre keines­wegs zu erwarten, dass ein Schwangerschaftsabbruch das gestörte narzißti­sche Gleichgewicht wiederherstellen könnte. Im übrigen muss bemerkt werden, dass depressive Zustandsbilder nicht selten auch nach der Geburt gesunder Kinder auf­treten (sog. Wochen­bettdepressionen).
Den vorliegenden Informationen können wir nicht entnehmen, aus welchen psychodynami­schen Wurzeln sich die depressive Reaktionsbereit­schaft der Mutter speist; das Kind hierfür zur Projektionsfläche (zum Sünden­bock) zu machen, erscheint mir irrational und ethisch fragwürdig, mögli­cherweise schlicht ein Versuch, die in der BRD 1995 abgeschaffte em­bryopathische Indikation zu umgehen.

3.
Welche seelische Entwicklung mag wohl ein zur schadhaften Ware degra­diertes Kind nehmen, dessen Mutter zwar behauptet, es zu lieben, sich jedoch Schmerzensgeld für seine Exi­stenz erstreitet? Die innere Haltung, die dem Kind - und zwar gleich, ob sie ausgespro­chen wird oder nicht - ins Leben mitgegeben wird, lautet wohl: "Wenn ich gewusst hätte, dass du so bist, wie du bist, hätte ich dich umgebracht. Du bist für mich ein solcher Schaden/eine solche Zumutung, dass ich mich am liebsten deinet­wegen umgebracht hätte (du wärest also beinahe an meinem Tod schuld gewesen). Aber ich liebe dich". Solche grausa­men, weil unvereinbar wider­sprüchli­chen doppelbödi­gen Botschaften nennen wir in der Psycholo­gie Double bind (Doppelbindung) und wissen, dass sie schwerste seelische Schäden zufügen. Es muss also befürchtet werden, dass die eigentliche und beeinträchtigendste Behinde­rung, mit der das Kind wird leben müssen, nicht in seinem körperlichen Handi­cap besteht, sondern in den Folgen, welche die innere Haltung seiner Eltern für seine psychi­sche Gesundheit haben dürfte. Die ins Feld geführte Argumentation, nicht das Kind selbst sei der Schaden, sondern die durch seine Existenz entstehenden Kosten, dürfte hieran nichts ändern. Vergessen sollten wir auch nicht, dass das Kind zum Zeitpunkt des Rechtsstreits sechs Jahre alt war und den um seine Existenz geführten, sehr öffentlichkeitswirksamen Gerichtsprozess sehr wohl mit­bekom­men haben dürfte - was musste dieses Kind wohl auf dem Spielplatz zu hören bekommen?

4.
Ethische Dilemmata sind dadurch definiert, dass Werte, die nach gesell­schaftlicher Überein­kunft für positiv und schützenswert gehalten werden, miteinander in Widerstreit geraten. Zur Lösung eines solchen Dilemmas müssen diese Werte gewichtet und gegeneinander abgewo­gen werden, was oft sehr schwierig ist. Nach meinem (zugegeben laienhaften) Rechtsver­ständnis ist dies im juristischen Bereich ähnlich. So gibt es Rechtsgüter, die anderen über- oder untergeordnet sind. Ich gebe ein Beispiel: Als Psychotherapeutin stehe ich unter ärztlicher Schweigepflicht. Verkündet mir jedoch ein Patient, er werde heute Abend seine verhasste Ehefrau umbringen, bin ich nicht nur berechtigt, sondern sogar ver­pflich­tet, die Schweigepflicht zu brechen, da ein höheres Rechtsgut (Leben der Ehefrau) auf dem Spiel steht. Den vorliegenden Fall sehe ich nun so: Eine behan­delbare psychische Störung der Mutter wird dem Leben des Kindes gegen­übergestellt und höher als dieses bewertet. Diese Gewichtung kann ich nicht nachvollziehen. Weiterhin scheint mir die Zustimmung des Gerichts dazu, die Existenz des Kindes bzw. die durch diese entstehenden Kosten als "Schaden" zu definieren, massiv die im Grundgesetz verankerte Un­antastbarkeit der Men­schenwürde dieses Kindes zu verletzen. Materiel­le Ansprüche der Mutter werden also in ihrem Wert höher eingeschätzt als die Menschenwürde des Kindes. Auch diese Gewichtung ist nicht nach­vollziehbar und ethisch höchst bedenklich.

5.
Das Urteil ist nicht nur ein Schlag gegen die Integrität des betroffe­nen Kin­des, sondern auch unter die Gür­tellinie all der behinderten Menschen, die sich ihres Lebens freu­en, da sie von ihren Eltern weder abgetrieben noch als unerwünschte Ware zweiter Wahl betrachtet wurden und lernen durften, mit ihrem Handicap ein erfülltes Leben zu führen. Es ist auch ein Schlag unter die Gürtellinie derjenigen Eltern behinderter Kinder, die ihre Sprösslinge nicht auf ihre Behinderung reduzieren, sondern sie lieben und die Lern- und Reifungsprozesse, die sie mit ihnen durchleiden und durch­leben, als Bereicherung empfinden können.

6.
Bei aller berechtigten Kritik am Verhalten der Eltern müssen wir uns dennoch hüten, das Thema: "Leben mit einem behinderten Kind" vollstän­dig zu individualisieren, d.h. aus dem gesellschaftlichen und sozialen Kontext herauszuschneiden. In der langjährigen, heftig geführten Diskus­sion um die Reform des Abtreibungsrechts wurde immer wieder die Ge­fahr deutlich, Frauen in Konfliktsituationen unabhängig von ihrem jeweili­gen sozialen, gesund­heitlichen und ökonomischen Lebenszusammenhang herauszuargumentieren und einseitig zu kriminalisieren. Fruchtbarer hat sich die Frage erwiesen, welche sozialen Voraussetzungen (Kindergarten­plätze u.ä.) geschaffen werden müssen, um einer Frau die Entscheidung zu erleichtern, ihr Kind zu bekommen. Vor diesem Erfahrungshintergrund sollte auch das vorliegende Urteil zum Anlaß genommen werden, das Thema auch auf sozialpolitischer Ebene zu durchforsten und um Verbes­serungsmöglichkeiten zu ringen. Solange Pflegever­sicherung und Sozial­hilfe nur ein immer mehr dahinschmelzendes Existenzminimum garan­tieren, wird die Versuchung groß sein, sich dem erwarteten "Vermögens­schaden" durch Abtreibung zu entziehen oder die Verantwortung den Haftpflichtversicherungen der Ärzte zuzuschieben. Beides kann wohl kaum die Lösung sein.
Was die ethische Beurteilung des Verhaltens von Frauen betrifft, die sich durch Schwanger­schaft bzw. Geburt eines Kindes in Konflikt fühlen, muss eine weitere wesentliche Unter­scheidung getroffen werden: Nämlich zwischen Frauen, die in (wie auch immer gearteten) Konfliktlagen einen Schwanger­schaftsabbruch erwägen und solchen, die (warum auch immer) ihre Schwangerschaft nicht abgebrochen haben und ihr Bedauern darüber später in aller Öffentlichkeit an die große Glocke hängen - ohne Rücksicht auf das inzwischen nun einmal geborene Kind. Die Argumentation, dem Wohl des Kindes durch Sicherstellung seiner materiellen Versorgung doch nur zu dienen, erscheint mir bei Abwägung gegen die zu erwartenden see­lischen Schäden des Kindes (siehe oben) nicht haltbar.

7.
Medizinische Diagnostik hat im Sinne des hippokratischen Eides grund­sätzlich zum Ziel, die Voraussetzung für die Linderung oder Behebung von Leiden zu schaffen, so zu mehr Sicherheit und Gesundheit beizutra­gen. Wir wissen aber auch um die Dialektik jeden wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts, um Paradoxien und neu entstehende Dilem­mata, die dort, wo mehr Sicherheit entstehen soll, gleichzeitig immer mehr Ver­unsicherung schaffen. Dies gilt auch für eine in diesem Sinne als janusköpfig zu betrachtende medizinische Diagnostik, die gerade im Bereich der Pränatalmedizin in Gefahr ist, nicht allein dem Leben, son­dern auch dessen Vernichtung zu dienen: Nämlich dann, wenn ihre Ergeb­nisse dazu benutzt werden, die Tötung des werdenden Lebens zu legitimie­ren - und sei es über den Umweg, seelische Schäden für die Mutter zu behaupten (was schwer zu widerle­gen ist). Gynäko­logen geraten durch die Möglichkeiten der Pränataldiagno­stik zunehmend in schwer zu lösende ethische Dilem­mata mit erhebli­chem Diskussions­bedarf, will man verhin­dern, dass sie sich aus der Präna­taldiagnostik ganz und gar zurückziehen oder vorsorg­lich zur Vermeidung späterer Schadens­ersatzforderungen lieber zum Schwangerschaftsab­bruch raten.

8.
Es bedarf kaum der gesonderten Erwähnung, dass wir gerade vor dem Hintergrund der spezifisch deutschen Geschichte besonders sensibel mit der Frage des Wertes menschlichen Lebens, auch des behinderten Lebens, umzugehen haben. Gerade exponierte und staats­tragende Persönlichkeiten wie Rich­ter stehen hier in einer besonderen Verantwortung.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das hier kommentierte Karlsruher Urteil und andere vergleichbare Entscheidungen eine Vielzahl höchst heikler Fragen aufwerfen. Ich hoffe, mit meinen Gedanken fruchtbar zur dringend notwendigen juristischen und vor allem ethischen Diskussion beizutragen. Triebfeder meines publizi­stischen Engagements ist die tiefe Über­zeugung, dass auch wir Men­schen mit Behinderungen ein sinn­erfülltes Leben in Würde führen können und das unantastbare Recht haben, dies zu tun. Überzeugt bin ich auch, dass Men­schen mit und ohne Behinderungen, entsprechende Offenheit und Bereit­schaft vorausgesetzt, sich in einem komplementären Lern- und Entwicklungsprozess gegenseitig bereichern und an der Entwicklung einer wahrhaft humanen kulturellen Werteland­schaft arbeiten könnten. Als Menschen mit Behinderungen sind wir Teil einer Ganzheit, die ohne uns ärmer wäre, und mir graut vor einer Gesell­schaft aus nur "Gesunden, Tüchtigen und uneingeschränkt Lei­stungsfähi­gen" als Rädchen im see­lenlosen Getriebe einer globalisierten, ökonomi­sierten Welt.


"Der Tag, an dem mein bisheriges Leben zerbrach":

Überlegungen zur Erstellung und Erörterung einer lebensverändernden Diagnose

Einleitung

Als psychologische Psychotherapeutin arbeite ich seit vielen Jahren unter anderem mit Menschen, die von chronischer Krankheit oder Behinderung betroffen sind. Schwerpunktmäßig sind es in meiner Praxis blinde und sehbehinderte Menschen, aber auch Patienten mit anderen lebensverän­dernden Diagnosen wie etwa Krebs, Multiple Sklerose, Chronische Poly­arthritis, koronare Herzerkrankung, Schlaganfall etc. Vor dem Hinter­grund zahlreicher Erfahrungsberichte Betroffener fühle ich mich veranlasst, zum Nachdenken über den Umgang mit der Erstellung und Mitteilung einer lebensver­ändernden Diagnose anzuregen.

Wer im Laufe seines Lebens mit der Diagnose einer lebensverändernden oder gar lebensbe­drohlichen Erkran­kung bzw. einer schwe­ren körperli­chen oder Sinnesbe­hinde­rung kon­frontiert wird, wird in sei­nem Identitäts­erleben und in seinen bisherigen Lebens­entwürfen zutiefst erschüttert. Er wird - oft von einem Moment zum anderen - aus der Kontinuität seines Lebensstroms herausgerissen, erlebt einen regelrechten Bruch in seiner Biographie. Er blickt in eine Zukunft, die sich sehr davon unter­scheiden wird, wie er sich vor der Erkrankung den Fort­gang seines Le­bens vor­gestellt und gewünscht hatte. Zahllose Fragen, Gefühle von Ungewissheit, Bedrohung und die angstvolle Erwar­tung zukünftiger Ver­luste drängen sich auf. Neue, die Er­kran­kung bzw. dro­hen­de Behinde­rung inte­grie­rende und dennoch sinn­gebende und befrie­digende Lebens­entwürfe erscheinen unvor­stellbar. Ob eine zunächst so ausweglos erscheinende Situation mit der Zeit ver­kraftet werden kann oder ob der initiale Schock als über­wältigendes Trauma in die Sackgasse (posttraumatische Belastungsstörung, depressive Entwicklung, Suizidalität, Sucht- oder sonstiges Vermeidungsverhalten etc.) führt, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Dem Prozess der Diagnose­findung und -mitteilung kommt besondere Bedeutung zu, denn in dieser für alle Beteiligten überaus schwierigen und sensiblen Phase werden bereits entscheidende Weichen gestellt. Der folgende Beitrag soll Ihnen als zuständigem Arzt bzw. Ärztin helfen, dem Patienten in dieser heiklen Situation kom­petent und einfühlsam zur Seite stehen zu können.

Kommt ein Patient wegen bestimmter Beschwerden zu Ihnen in die Praxis bzw. Klinik, macht er sich in der Regel noch nicht allzu ernste Sorgen. Bemerkt er bei sich etwa Beeinträchtigungen des Seh­ver­mögens, wird er vermutlich zunächst nur damit rechnen, eine Brille zu benötigen. Ihnen als Augenarzt wird es, um bei diesem Beispiel zu bleiben, anfangs genau­so gehen, nimmt doch das Verschreiben kor­rigierender Augengläser oder Kontaktlinsen in Ihrem Arbeitsalltag wahr­scheinlich den größten Raum ein - es sei denn, Sie sind in einer Spezial­abteilung tätig. Routi­ne schlägt aber schnell in Beunruhigung um, wenn sich die Anzei­chen mehren, dass eine ernstere Erkrankung vorliegt. Manchmal steht die Dia­gnose rasch zwei­felsfrei fest. Oft jedoch erst eine Vielzahl an (für den Patienten z.T. ziemlich belastenden) Untersu­chungen durchgeführt werden, bis Klar­heit herrscht. Während dieses gesamten Prozesses spürt der Patient das diffuse Gefühl von Beunruhigung, das in der Luft liegt. Wäre er einfach nur kurzsichtig, bräuchte es doch nicht diese ganze Maschinerie - soviel kann er sich leicht zusammenrei­men. Dem Arzt, der helfen und heilen möchte, dämmert, dass er hier vermutlich machtlos sein wird, dass er dem Patienten nicht zur Wie­derher­stellung seiner vollen Sehkraft wird verhel­fen können, dass er ihm statt­dessen mit von Untersuchung zu Unter­su­chung wachsender Wahrschein­lichkeit eine düstere Prognose wird prophe­zeien müssen. Gehen wir einmal davon aus, dass ihm das Schicksal der ihm anver­trauten Patienten am Herzen liegt, dass er nicht ausschließ­lich an sei­nem akademi­schen bzw. materiellen Fortkommen interessiert oder nach langen Be­rufs­jahren abge­brüht und innerlich abgestumpft ist, wird er mit Gefühlen von Ohn­macht und Hilflo­sigkeit fertig werden müs­sen, vielleicht auch mit einer gewissen narzisstischen Kränkung möglicher unbewusster Allmachts­phant­asien. Solche Phantasien werden in der Bevöl­kerung nach wie vor durch Ideali­sie­rungs­neigungen genährt und gehören weithin zur Sozia­lisation in die Arztrolle (vgl. Gathmann u. Semrau-Lininger 1996). Auch Mitgefühl oder Mitleid müssen bewäl­tigt wer­den, wenn der Arzt etwa einen jungen Men­schen vor sich sieht, der mitten in einem Leben steht, aus dem er nun herausge­rissen zu werden droht. Vielleicht wehrt er solche in sich auf­keimenden Gefühle dadurch ab, dass er sich umso mehr in die "Macherrol­le" flüchtet und sich mehr oder weniger unbewußt hinter seinem techni­schen Apparat zu verstecken be­ginnt. Solche Reaktionen sind zunächst verständlich und sollen hier nicht verurteilt werden; mit meinen Ausfüh­rungen will ich aber dazu anregen, die eigene Haltung und das eigene Verhalten zu überden­ken. Das erscheint mir notwendig, denn die Erfah­rungsberichte Betroffener sind oft er­schüt­ternd. viele berichten, sich in einer als kalt und ängstigend erlebten Ma­schinerie, einem regel­rechten Spieß­rutenlaufen durch ein Gewirr von z.T. sehr belastenden tech­nischen Untersuchungen ver­loren zu fühlen und in ihrer Betroffenheit als ganzer Mensch wenig wahr­genom­men und aufgefangen zu werden. Sie beklagen, keinen Gesprächspartner dafür zu finden, was das denn nun alles für sie bedeutet. Bestenfalls bekämen sie die Adresse einer örtlichen Selbsthilfe­gruppe (in unserem Beispiel etwa des Blindenvereins) in die Hand ge­drückt. Hören wir an dieser Stelle den Bericht von Christia­ne Kleefisch: "Dafür, dass die Diagnose endlose Monate dauerte und das Lebendi­ge einfror, sorgten viele Ärzte, unter ihnen die unvergessene Fach­ärztin für Augenheilkunde, deren Tonfall nicht zu löschen ist. Sie laborierten, blendeten und diagnostizierten frank und frei in diesem Kopf herum. Keine Zeit für Menschenwürde im heißen Sommer ohne Mineralwasser, so lange, bis das Wort im Gehirn festsaß wie gefriergetrocknet: 'Makuladegeneration'. In hörbarer Weite waren sich die jungen Ärzte einig: 'Die wird ja eh schon bald blind und da gibt's nix mehr.' Wissen Sie, wie ein solch gedanken­loser Satz zum Riesenkraken mutiert und wie unrecht sie haben? Lernen sie, dass es möglich ist, Diagnosen so mitzuteilen, dass der Suizid nicht der einzige Ausweg scheint? Wäre schön, nicht wahr?" (KLEEFISCH in ABSV 2006, S. 4)

Wie Sie als Arzt den Spagat leisten können, dem Patienten eine erschrec­kende Wahrheit mitzuteilen, an der die ärztliche Kunst nichts oder nur wenig ändern kann, und ihm dennoch weiterzuhelfen, wird sich durch all­gemeine Ratschläge oder gar Patentrezepte kaum beantworten lassen. Bewusstes Reflektieren der eigenen inneren Haltung und die Entwicklung von Ein­fühlungsver­mögen und Fingerspitzengefühl sind weit wichtiger als kon­krete Verhal­tensanweisungen. Bevor dennoch einige konkrete Anregungen zur Gestaltung des Diagnosegesprächs gegeben werden sollen, lade ich Sie deshalb zu einem kleinen Stück Selbsterfahrung/Selbstreflexion ein.

Fragen, die Sie sich selbst stellen können

Sie sind kein unbeschriebenes Blatt, wenn Sie mit Ihrem Patienten in Kontakt treten: Sie begegnen ihm als Mensch mit einer Biographie, mit Ihren je individuellen Lebens-, Lern- und Beziehungserfahrungen, Fähig­keiten und Ressourcen, bewussten und unbewussten Defiziten und Kon­flikten, Wün­schen und Phantasien. Sie bringen Ihre Einstellungen und Werthaltungen ebenso mit wie Ihre Vorurteile (davon ist niemand frei). Sollten Sie selbst oder jemand in Ihrer Familie behindert oder schon einmal schwer krank gewesen sein, kommen natürlich Ihr eigener Umgang und Ihre eigene Geschichte mit Ihrer Krankheit/Behinderung bzw. derjeni­gen Ihres Angehörigen ebenfalls zum Tragen. Die folgenden Fragen sollen Ihnen helfen her­auszufinden, wo Sie selbst ste­hen und was das für die Begegnung mit Ihrem Patienten bedeutet. Natürlich betreffen diese Fragen keineswegs nur Ihr Herangehen an das Diagnosegespräch, sondern über­haupt Ihre innere Haltung, wie Sie sie in die Gestaltung der Arzt-Patien­ten-Beziehung, die von großer Bedeutung ist, einbringen:

* Welche Ängste haben Sie selbst vor Krankheit bzw. bestimmten Krank­heiten?

* Welche gesellschaftlich vermittelten Überzeugungen über bestimmte Krankheiten bzw. Behinde­rungen teilen Sie?

* Welche unbewussten Konnotationen verbinden Sie mit bestimmten Krank­heiten bzw. Behinderungen?

* Falls Sie selbst chronisch krank oder behindert sind: Wo stehen Sie selbst in der inneren Auseinandersetzung mit Ihrer Krankheit/Behinde­rung?

* Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Verletzlichkeit, Kränkbarkeit und Sterblichkeit um?

* Was für Lebenskrisen und Schicksalsschläge (z.B. den Tod eines gelieb­ten Menschen) haben Sie selbst bislang erlebt und wie haben Sie sie ver­arbeitet?

* Wie orientieren Sie sich selbst inmitten der unauflösbaren Widersprü­che, die es auch in Ihrem Leben gibt? Wie groß ist Ihre eigene Span­nungs- und Ambiguitätstoleranz?

* Wie sehr sind Sie sich Ihrer eigenen Wertvorstellungen, z.B. in bezug auf Themen wie Leistung und Konkurrenz, Schönheits- und Jugend­lich­keitsideal etc. bewusst?

* Wie gehen Sie mit Ihrem eigenen Körper um?

* Wie geht es Ihnen mit dem Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit? Wie kommen Sie damit zurecht, dass es Probleme gibt, die Sie nicht lösen bzw. lösen helfen können? Sind Sie anfällig für Allmachts­phant­asien?

* Können Sie akzeptieren, wenn es keine schnellen Antworten gibt und somit Beunruhigung, Spannung und Frustration über längere Zeit ertragen werden müssen?

* Sind Sie in der Begegnung auf die Krankheit oder Behinderung des Patien­ten fixiert, die dann zum "Master status" (zum beherrschenden Merkmal der Person und der Interaktion) würde? Oder sind Sie sensibel für The­men, Proble­me und Kon­flikte, die damit nichts zu tun haben? Wie offen sind Sie also in Ihrer Wahrnehmung?

* Sind Sie in Gefahr, den Patienten (z.B. in Form von Mitleid oder Bevor­mundung durch "gut gemeinte" Ratschläge) in einer Art "Kind-Rolle" zu fixieren? Oder können Sie seine Ressourcen und Fähigkei­ten wahrnehmen, anerken­nen und fördern? Können Sie also Hilfe zur Selbst­hilfe geben?

* Kön­nen Sie akzeptieren, wenn der vom Patienten gewählte Entwick­lungs­weg sich von Ihren eigenen Zielvorstellungen unterschei­det? Dies wäre etwa dann der Fall, wenn Ihr Patient sich gegen eine von Ihnen vorgeschlagene aufwendige Behandlungsprozedur entscheidet.

* Können Sie ertragen, wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass Ihr Patient im Umgang mit seinem Schicksal Stärken und Fähigkeiten an den Tag legt oder entwickelt, die Sie sich selbst in einer ähnlichen Situation nicht zutrauen würden? Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich dann unterlegen oder beschämt fühlen?

Zur konkreten Gestaltung des Diagnosegesprächs

Kommen wir nach dieser Reflexion der eigenen inneren Haltung nun zu einigen Anregungen zum Umgang mit dem Diagnosegespräch/den Diagno­segesprächen:

* Auch wenn Ihr Praxis- oder Klinikalltag mitunter recht hektisch sein mag, nehmen Sie sich für das Diagnosegespräch bitte viel Zeit. Sorgen Sie für eine ruhige Gesprächsatmosphäre ohne Störungen durch Telefon oder hereinstürmende Arzthelferinnen. Nicht nur Ihr Patient und seine evtl. mit anwesenden Angehörigen, sondern auch Sie selbst brauchen Ruhe und Konzentration in dieser schwierigen Situation.

* Geben Sie Ihrem Patienten ausreichend Raum und Zeit, Ihre Ausführun­gen aufzunehmen, darauf zu reagieren und Fragen zu stellen. Ertragen Sie Schweigepausen, denn die schockierende Nachricht macht oft erst einmal sprachlos.

* Teilen Sie die vollständige Diagnose sachlich mit, sobald Sie sich sicher sind. Gut gemeinte Absichten, den Patienten zu "schonen" und ihm We­sentliches zu verschweigen, beunruhigen meist zusätzlich und nehmen ihn als gleichberechtigten, mündigen Gesprächspartner nicht ernst. Klären Sie umfassend und in Ruhe über Ursachen, Symptoma­tik und Prognose der Erkrankung auf. Berücksichtigen Sie dabei, dass auch bei glei­cher Er­kran­kung Verläufe sehr verschieden sein können und von vielen Fakto­ren abhängen; lapidare Fest­stellun­gen im Sinne von: "Sie werden blind, da kann man nichts machen", sind nicht nur schockierend, sondern in dieser Form oft nicht ge­rechtfertigt. Verschweigen oder beschönigen Sie nichts, hüten Sie sich aber auch vor Dramatisierungen und dem Nähren über­schießender Katastrophenphantasien.

* Erschlagen Sie Ihren Patienten nicht mit "Fach­chine­sisch", sondern drüc­ken Sie sich verständlich aus. Vergewis­sern Sie sich, ob Ihre Aus­führungen verstanden werden. Lassen Sie genug Zeit für Nachfragen.

* In dem Wunsch, den Patienten zu trösten und ihm aus seiner momenta­nen Verzweiflung herauszuhelfen, mag die Versuchung groß sein, Dinge zu versprechen, die niemand halten kann. Wecken Sie keine unrealisti­schen oder übertriebenen Hoffnungen auf Behandlungsversuche, die noch unaus­gereift sind oder deren Erfolg begrenzt ist. Denken Sie etwa an den Medien­rummel, der um manche Projekte zur "künstlichen Netz­haut" (Reti­na-Chip) ge­macht wird und der möglicherweise mehr Schaden anrichtet als nützt. Wenn Sie einen Behandlungsversuch vor­schlagen, klären Sie umfassend über reali­stische Erfolgschancen, Risiken und unerwünschte Wirkungen auf. Ver­gewissern Sie sich, dass Ihr Patient zu einer vernünfti­gen Ein­schätzung kommt, die ihn zu einem "informed con­sent" befähigt. Nur so können Sie zusätzlichen Gefühlen von Enttäu­schung und Verzweif­lung vorbeugen.

* Wenn Sie Untersuchungen oder Therapieversuche vorschlagen möchten, die nach aktuellem Forschungsstand ausschließlich der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung dienen, teilen Sie dies Ihrem Patienten bitte ehrlich und unmissverständlich mit und lassen Sie ihn frei entscheiden, ob er sich unter diesen Voraussetzungen den vorgeschlagenen Maßnahmen unter­ziehen will. Die Planung und Durchführung besonders belastender Proze­duren sollten von vornherein psychologisch begleitet werden, um dem Betroffe­nen eine ­profun­de Kenntnis möglicher Implikationen und Kon­sequenzen zu vermitteln und ihm zu einer rationalen Entscheidungsfindung zu verhel­fen. Oft genug habe ich miterleben müssen, wie es hinterher zu Heulen und Zähneklappern kommt, wenn dies versäumt wird.

* Ziehen Sie keine Schlußfolgerungen, die nicht zwangsläufig sind und der Entscheidung des Patienten obliegen. So höre ich von Betrof­fenen, bei denen eine erbliche Erkrankung festgestellt wird, nicht selten, sie bekä­men als Teil der "Aufklärung" gesagt, sie müssten darauf ver­zichten, Kinder zu bekommen. Natürlich können Sie eine humangeneti­sche Bera­tung empfehlen, doch steht es Ihnen nicht zu, sich in Lebensent­scheidun­gen Ihres Patienten einzumischen.

* Besonders heikel wird es, wenn Sie als Gynäkologe bei dem Kind, das Ihre schwangere Patientin erwartet, eine Missbildung bzw. Behinderung feststellen (Beispiel: Down-Syndrom). Betroffene Frauen berichten nicht selten, dass ihnen wenig Entscheidungsspielraum gelassen wird, ob sie die Schwangerschaft austragen wollen oder nicht. Manchmal werde bereits am Tag der Diagnosemitteilung ein Termin zur (Spät-)Ab­treibung vereinbart. Allzu rasch schleichen sich (oft unbewusste) Vorstellungen über "lebens­unwertes Leben" ein. Lassen Sie den betroffenen Eltern bitte Zeit. Emp­feh­len Sie ihnen eine psychologische Beratung, die Raum für eine bewußte und reflektierte Entscheidung läßt, hinter der die Eltern später stehen können. Viel Leid könnte auf diese Weise verhindert werden.

* Es kann sein, dass der Patient im initialen Schock keine Gefühle erleben oder zeigen kann. Treten jedoch emotionale Reaktionen auf, lassen Sie diese zu, ohne zu beschwichtigen ("so schlimm wird es sicher nicht"), abzuwür­gen oder das Thema zu wechseln. Ihr Patient braucht Zeit und das Gefühl, dass Sie ihm zuhören, ihn ernstnehmen und so akzeptieren, wie er in dieser schweren Stunde nun einmal ist.

* Setzen Sie sich damit auseinander, dass Sie nicht auf alle Fragen Ihres Patienten eine Antwort haben werden. Soweit es Ihnen gelingt, wider­stehen Sie bitte der Versuchung, sich in die Macherrolle zu flüchten - auch dann, wenn der Patient diese von Ihnen erwartet. Dazu gehört auch, weitere Untersuchungen auf das unbedingt Nötige zu reduzieren.

* Wenn Sie Ihrem Patienten regelmäßige Verlaufskontrollen vorschlagen, prüfen Sie genau, ob diese medizinisch oder für anstehende Lebensent­scheidungen wirklich nötig sind. Manchmal mögen sie eher dazu dienen, Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit abzuwehren, indem die Illusion genährt wird, etwas Sinnvolles zu tun und die Situation im Griff zu behal­ten. Verlaufsuntersuchungen sind für den Patienten nicht nur anstrengend und u.U. sogar schädlich (z.B. durch Überblendung einer kranken Netz­haut), sondern können unter den genannten Bedingungen (Abwehrfunktion) auch eine ehrliche emotionale Auseinandersetzung er­schweren oder gar verhin­dern.

* Fragen Sie sich, ob Sie in der Lage und bereit sind, den Patienten emotional und praktisch zu unterstützen und zu begleiten, und zwar ggf. auch unter Verzicht auf technischen Aktionismus.

* Setzen Sie sich das Ziel, den Patienten nicht nur über die Diagnose aufzuklären, sondern, soweit möglich, zu einer aktiven Auseinanderset­zung mit der Erkrankung bzw. Behinderung anzuregen.

* Betrachten Sie es nicht als persönliche Kränkung oder Abwer­tung Ihrer Fachkompetenz, wenn Ihr Patient beginnt, von einem Arzt zum anderen zu laufen, ver­schiedene Kliniken, Heilpraktiker oder sonstige mehr oder weniger seriöse Anbieter auf dem Gesund­heitsmarkt aufzusuchen, obwohl Sie ihm erklärt haben, dass seine Erkrankung nach derzeitigem Wissens­stand nicht behandelbar ist. "Ver­handlung" bzw. "Doctor's hop­ping")ist eine wichtige Phase im Verarbeitungsprozess. Wahrscheinlich fühlen Sie sich weniger genervt, wenn Sie hinter solchem Verhalten die Angst und Verzweiflung, aber auch den Heilungs- und Lebenswillen Ihres Patienten erspüren.

* Beziehen Sie nach Möglichkeit und auf Wunsch Ihres Patienten auch die Angehörigen (Ehepartner, Eltern usw.) in den Prozess ein. Sie sind mit­betroffen und brauchen eben­falls Unterstützung und Information. Sie können dem betroffenen Patienten aber auch hilfreich zur Seite stehen, etwa indem sie Fragen stellen, die ihm selbst vor lauter Schreck nicht einfallen.

* Empfehlen Sie nach Möglichkeit auch die Einbeziehung eines hierfür geschulten Psychotherapeuten, der den Prozess der Überwindung des Schocks und der Verarbeitung der unvermeidlichen seelischen Krise kompetent begleiten und fördern kann. Stellen Sie bitte auch dem Psycho­therapeuten die nötigen medizinischen Informationen zur Verfügung, sofern Ihr Patient Sie ihm gegenüber von der Schweigepflicht entbindet. Gute Zusammenarbeit zwischen Arzt und Psychotherapeut ist von zen­traler Bedeutung für das Gelingen des Verarbeitungsprozesses und der notwendigen Neuorientierung.

Sollten die vorangegangenen Ausführungen Sie verwirrt haben, ist das durchaus beabsichtigt. Denn mein Ziel konnte nicht sein, fertige Antwor­ten, die es nicht gibt, zu liefern, sondern Anregungen zur Reflexion und Verbesserung des Fingerspitzengefühls im Umgang mit der so schwierigen und doch so entscheidenden Situation der Diagnoseerstellung und -mit­teilung zu geben.

Literaturempfehlungen:

GATHMANN, P./SEMRAU-LININGER, C.: Der verwundete Arzt. Ein Psychogramm des Heilberufes (Kösel, München 1996)

GLOFKE-SCHULZ, E.-M.: Löwin im Dschungel. Blinde und sehbehin­derte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung (Psychosozial-Ver­lag, Gießen 2007)

KLEEFISCH, Ch.: Das Blau des Himmels blieb. In: Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) e.V. (Hg.): Die Sehbehinderung in meinem Kopf (ABSV, Berlin 2006, S. 4-7)

SCHUCHARDT, E.: Krisen-Management und Integration
Bd. 1: Biographische Erfahrung und wissenschaftliche Theorie.
Bd. 2: Wei­terbildung als Krisenverarbeitung (Theorie und Praxis der Erwachsenen­bildung, WBV, Bielefeld 2003)



Bewältigst du noch oder akzeptierst Du schon?


In meiner psychotherapeutischen Praxis arbeite ich häufig mit Menschen, die behindert oder von Behinderung bedroht sind. Erstaunlich ist, wie wenig ich im Psychologiestudium sowie in mehreren psychotherapeuti­schen Ausbildungen auf dieses Arbeitsgebiet vorbereitet wurde. Abgese­hen von wenigen Ausnahmen scheint es merkwürdig still um die Frage der Bewältigung von Behinderungen zu sein. Die meisten mir bekannten Lehrpläne für angehende Psychotherapeuten sparen dieses Kapitel weitge­hend aus, so dass ich mich manchmal frage, ob sich die Ausgrenzung Behinderter hier möglicherweise in fataler Weise unbewusst fortschreibt. Auf diesem Gebiet gibt es, scheint mir, noch viel zu tun.

Die Diagnose einer Sinnesbehinderung kann Lebensentwürfe völlig über den Haufen werfen. Zahllose Fragen, Gefühle von Ungewissheit, Bedro­hung und die angstvolle Erwartung zukünftiger Verluste drängen sich auf. Neue, die Behinderung integrierende und dennoch Sinn gebende und befriedigende Lebensentwürfe erscheinen zunächst unvorstellbar.

In dieser Situation wird an den Betroffenen die Forderung herangetragen, "die Behinderung zu akzeptieren", oft wird sie zuerst vom behandelnden Arzt oder von den Angehörigen formuliert. Der Betroffene spürt, dass dieser Anspruch sehr wohl etwas Wahres enthält, doch sagt ihm in der Regel niemand, wie er dieses hohe Ziel erreichen kann. Weil Akzeptanz gern im Sinne einseitiger Anpassung und als möglichst reibungsloses Einfügen in das normative System der Gesunden und Nichtbehinderten missverstanden wird, findet der Betroffene wenig Freiraum dafür vor, seinen ganz individuellen Weg der Verarbeitung und Integration zu su­chen. Bekommt er dann, etwa im Fernsehen, Behinderte vorgeführt, die "es geschafft haben" und geradezu atemberaubende Leistungen vollbrin­gen, mag das dem einen oder der anderen Mut machen, viele fühlen sich hingegen erst recht demoralisiert und ungenügend. In der Gesellschaft tief verankerte Klischees, Vorurteile und Stigmatisierung tun das ihre dazu, den Bewältigungsprozess zu erschweren.

Der englische Ausdruck für "Bewältigung" heißt "Coping". In den ver­gangenen Jahrzehnten hat sich die so genannte "Coping-Forschung", auf deutsch also: Bewältigungsforschung, mit Möglichkeiten des Umgangs mit Behinderung beschäftigt. So genannte Phasenmodelle sind entstanden, die in der Regel Phasen wie Nicht-wahrhaben-wollen, Aggression, Verhand­lung, Trauer, Annahme, Aktivität und Solidarität beschreiben.
Die Verarbeitung einer Behinderung wird dabei in verschiedene Bewälti­gungsstadien eingeteilt, die nach Regeln ablaufen. Solche Modelle können sowohl für Beratung und Therapie als auch für die Selbstreflexion sehr hilfreich sein. Dennoch sind sie meines Erachtens in ihrer Aussagekraft begrenzt. Zum einen geben sie wenig Aufschluss darüber, welche seelisch-geistigen Kräfte und welches Beziehungsgeschehen den Betroffenen befä­higen, sich von einer Phase in die nächste hinein zu entwickeln. Zum anderen fällt auf, dass gängige Coping-Modelle vor allem aktive, bewusste und zielgerichtete Strategien der Verarbeitung und Problemlösung beto­nen. Selbst das Zulassen unvermeidlich heftiger Gefühle wird als aktive und anstrengende Arbeit aufgefasst, wie wir etwa dem Betriff "Trauer­arbeit" entnehmen können.

Dem Aspekt des aktiven, selbstverantwortlichen Handelns zu betonen, ist grundsätzlich legitim und fruchtbar. In unserer westlichen Kultur ver­bindet sich die Grundhaltung, möglichst aktiv zu sein, jedoch mit hohen Anforderungen an Effizienz, Anstrengungsbereitschaft, Perfektion und Geschwindigkeit sowie einem starken Konkurrenzdenken als kaum hinter­fragten Werten. Werden diese einseitig betont, führt das dazu, dass die Betroffenen bei der Verarbeitung ihrer Behinderung auf wichtige Ressour­cen verzichten und sich eventuell überfordern.

Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass der Gegenpol zu "Aktivität" nicht zwangsläufig "Passivität" ist, sondern auch "geschehen lassen", "sich entwickeln lassen" oder "wachsen lassen". Dieser Gegenpol darf nicht vernachlässigt werden, wir sollten vielmehr Freiräume schaffen für Ruhe, Kontemplation, Träumen und Phantasieren. Diese inneren Kraftquellen können verhindern, dass der Bewältigungsprozess zu einer Art "Anpas­sungstechnologie" verkommt. Für die psychotherapeutische Arbeit bedeu­tet dies, dass eine Verarbeitung des Problems nicht allein im Gespräch möglich und sinnvoll ist. Ressourcen und Selbstheilungskräfte des Betrof­fenen müssen gefördert werden, zum Beispiel, indem die Entwicklung heilsamer innerer Bilder und Phantasien unterstützt wird, der Fachaus­druck für diesen Vorgang heißt "Imagination". Auch Träume leisten Wesentliches beim Durcharbeiten der unterschiedlichen Phasen des Co­ping-Prozesses. Bewältigungsphasen können im Traumgeschehen nicht nur gespiegelt, sondern auch entwickelt und vorangetrieben werden.

Lassen Sie mich abschließend noch einmal auf den Akzeptanz-Begrieff zurückkommen. Ich bin mehr und mehr zu der Auffassung gekommen, dass Akzeptanz weder Einfügen im Sinne von Anpassen bedeuten kann noch das "Happy-End" eines gelungenen Bewältigungsprozesses. Akzep­tanz in einem vielleicht bescheideneren, aber auch tieferen und umfassen­deren Sinne heißt, nicht nur unsere Behinderung als solche, sondern auch die dazugehörigen Krisen und wiederkehrenden gefühlsmäßigen Reaktio­nen anzunehmen und uns zu erlauben. Unsere Enttäuschung und unser Schmerz, unsere Wut und unsere Trauer sind in keiner Weise krankhaft oder Zeichen nicht geglückter Akzeptanz, sondern vollkommen gesunde und natürliche Reaktionen, die es liebevoll anzunehmen gilt. Akzeptanz in diesem Sinne schafft den Nährboden, auf dem geistig-seelische Freiheit Sinnerfüllung und authentische Lebensfreude wachsen können.

Eva-Maria Glofke-Schulz wurde sehbehindert geboren und ist seit einigen Jahren blind. Sie arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis.

Dieser Artikel erschien in der Broschüre:
"Die Sehbehinderung in meinem Kopf", herausgegeben vom allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV). Sie kann bei folgender Adresse bestellt werden:
ABSV e.V. - Auerbachstraße 7 - 14193 Berlin
Tel.: 030-89 588-0
e-mail: info@absv.de


REISEN VERWANDELT DEN REISENDEN

Die Rehabilitation sehgeschädigter Menschen als wechselseitiger Lernprozess1

von Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz
(Skript zur Fortbildungsveranstaltung der Nikolauspflege Stuttgart am 22./23. Januar 2010)

„Das Glück des Reisenden ist, dass Hoffnung Zwilling ist der Hoffnungslosigkeit.“ (Mahmood Darwisch)

Inhaltsübersicht

1. Einleitung
2. Die Gefahren der Reise: Krisen als Risiko und Chance zugleich
3. „Was heißt denn hier Akzeptanz?“ - Die Studienziele und wer sie bestimmt
4. Reisen verwandelt den Reisenden: Identitätsentwicklung und Wertestruktur
5. Die Rückkehr der Nomadin: Integration und gesellschaftliche Teilhabe als wechselseitiger Lernprozess
6. Zum Umgang mit Krisen
7. Schlussbemerkrungen
8. Literatur
9. Anschrift der Autorin

1. Einleitung

Es ist mir eine große Freude, hier auf Ihrer Jahrestagung mit Ihnen über Fragen des seelischen Umgangs mit Sehverlusts bis hin zur Erblindung sprechen zu dürfen. Das ist wichtig, denn ich kann mir gut vorstellen, dass seelische Krisen und Turbulenzen ein erfolgreiches Training der Orientierung und Mobilität sowie der lebenspraktischen Fähigkeiten oft erschweren, ja vielleicht mitunter sogar unmöglich machen. Für den heutigen Vortrag habe ich mich entschieden, nicht von vornherein auf konkrete Krisensituationen im Umgang mit Ihrem Trainingspartner einzugehen. Dafür wird in der Diskussion Zeit sein. Vielmehr möchte ich mit Ihnen wagen, einmal über sehr grundlegende Fragen des Verständnisses von Behinderung und über mögliche Entwicklungswege zu philosophieren. Dabei geht es mir ganz besonders um Ihre eigene innere Haltung, mit der Sie Ihren Trainingspartnern begegnen. Denn diese innere Haltung ist es, die Ihr Handeln oft weit mehr lenken wird als konkrete Verhaltensanweisungen oder gar Ratschläge. Nehmen Sie daher meinen Vortrag als Anregung, sich nicht nur über Ihre behinderten Klienten Gedanken zu machen, sondern auch und insbesondere über Ihre eigenen Einstellungen und Werte.
Dazu lade ich Sie ein, mich auf eine Traumreise zu begleiten und sich in den Traum einer meiner von Erblindung betroffenen Klientinnen zu versenken:

"Mir träumte: Ich bin Araberin und lebe in einem Nomadenstamm, der mit seinem Vieh und Zelten auf der Suche nach fruchtbarem Weideland um­herz­ieht. Da ich blind und somit für das Hüten der Tiere nicht mehr nützlich bin, werde ich aus dem Stamm ausgesto­ßen. Es gelingt mir, die Wüste zu durch­queren und nach Europa zu reisen. Dort studiere ich fünf Jahre lang an einer Universität Ar­chäologie und schließe das Studium erfolgreich ab. Danach kehre ich zu meinem Stamm zurück, denn ich weiß, dass ich nun über ein Wissen verfüge, das die anderen nicht haben, das ihnen aber nicht nur von Nutzen sein kann, sondern eigentlich lebens­not­wendig ist: Ich weiß um die Geschichte unseres Volkes. Dieses Wissen macht mich zur unentbehr­lichen Schamanin, zur Medizinfrau des Stammes. Mit diesem Wissen kann ich heilend tätig sein. Meine Blindheit spielt jetzt keine Rolle mehr." (Beate W., 45 Jahre)

Die erblindete Träumerin sieht sich als Nomadin – als eine Frau also, die sich in ständiger Bewegung und Entwicklung befindet, sich nirgends bequem niederlässt - weder materiell noch im Denken. Friedrich Nietzsche rät, keinem Gedanken zu trauen, der im Sitzen entstanden sei; die nomadischen Denkbilder bei Nietzsche verweisen immer auf die lebendige Praxis, das Üben und das Unterwegssein. Nomadin zu sein, bedeutet in übertragenem Sinne demnach die Abkehr von jeder dem Lebendigen entzogenen Vielwisserei. Es geht also um ein Wissen, das zur Handlung wird. Seelische Entwicklung, also auch die Bewältigung einer Behinderung, darf niemals kopflastig sein, sonst kann sie schwerlich gelingen. Mit der Figur einer Nomadin hat unsere Träumerin also ein ausgesprochen kreatives und konstruktives Bild für sich selbst und ihre Möglichkeiten gefunden.
Der Traum erzählt von Stigmatisierung und Ausgrenzung, engstirnigem und kurzsichtigem Nützlichkeitsdenken und sozial zugeschriebener Minderwertigkeit. Sie erzählt aber auch von einem einerseits schwierigen, andererseits spannenden und berei­chernden Ent­wicklungsweg, von einer Reise in die Tiefe der Seele und der - persön­lichen wie kulturellen – Geschichte. Sie entwirft eine Vision der sozialen (Re-) Integra­tion und der Wechselseitigkeit eines Lernprozesses, der alle betrifft, der allen etwas abverlangt, von dem aber auch alle in je eigener Weise profitieren. Der Traum erzählt, wie die ehrliche und bewusste Auseinander­setzung mit der Behinderung als Metapher für die Begrenzungen des mensch­lichen Lebens ein Umdenken einleiten kann - bei ihr selbst ebenso wie bei ihrer sozialen Umwelt. Sie macht bewusst, dass es Integration und Partizi­pation nicht zum Null­tarif gibt. Sie erzählt, dass die gesellschaftliche Teilhabe behin­derter Menschen nicht als einseitige Anpassung an die Normen und Werte der (noch?) nicht selbst von Behinderung betrof­fenen Mitmenschen gelin­gen kann, sondern ausschließlich als Frucht der Bereit­schaft aller Beteilig­ten, vonein­ander zu lernen, einander ernst­ zu nehmen und zuzuhö­ren.
Die Träume­rin entwirft ein psychologi­sches, soziales und spirituelles Verständnis von Heilung, das auf medizini­sche Reparaturversuche, also auf das - bei ihrer Augenerkran­kung ohnehin unmögliche - Rückgängigma­chen der organi­schen Schädi­gung, nicht ange­wiesen ist. Der Traum legt sogar nahe, dass manche konstrukti­ve und wichtige Lernprozes­se ohne das Phänomen Behin­derung und den bewussten Umgang damit gar nicht möglich wären.

Ich lade Sie ein, die Nomadin und mich auf unserer Reise zu begleiten.
Wenn ich es wage, mit einem Traum­bericht zu beginnen, tue ich dies in dem Wissen und im Vertrauen darauf, dass unbewusste Bilder ihre Wirkung entfalten und auf einer tieferen Ebene auch dann verstan­den werden, wenn sie nicht intellektuell gedeutet wer­den. Für den Moment möchte ich Sie ermutigen, sich neugierig diesen Bildern zu öffnen und sie auf sich wirken zu lassen.

Krankheit, Behinderung, Älterwerden und schließlich Sterbenmüssen gehören zur Conditio humana, also zu den Grundbedingungen des Mensch­seins. Allerdings leben wir, wie H.E. RICHTER mit seinen Ausführungen zum sog. "Gotteskomplex" eindrucksvoll gezeigt hat, in einer Kultur, die, seit wir uns nicht mehr wie noch im Mittelalter in naiver Gotteskindschaft aufgehoben und gebor­gen fühlen, diese Grundtatsache aus Gründen der Angstabwehr verleugnet. All­machtsphantasien sollen helfen, Gefühle von Ohn­macht und die Ein­sicht in die natürlichen, jedoch schmerzli­chen und äng­stigenden Begren­zungen des Lebens abzuweh­ren. Leiden wird ver­meint­lich ver­mieden, abgeschafft und nach Möglichkeit ausgegrenzt. Medizini­sche Forschung möchte erreichen, dass es eines Tages keine Behinde­run­gen mehr geben soll: Krankheiten sollen heilbar oder durch Früh­erken­nung verhinderbar werden. Behindertes Leben wird durch die modernen Möglichkeiten der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik er­neut zur Disposition gestellt. Die Zahl der Spät­abtreibun­gen behinderter Kinder steigt stetig. Eltern, die ihr behindertes Kind liebevoll akzeptieren und bewußt zur Welt bringen, geraten zuneh­mend unter Legitimations­druck. ­Dem Älterwer­den versucht man, mit sehr in Mode geratenen und lukrati­ven "Anti-Aging"-Maßnah­men zu begeg­nen. Über den Tod wird nicht gesprochen. Die Haltung der meisten Menschen gegenüber Behinderten ist nach wie vor zwiespältig:
Integrativen Bemühun­gen, die partiell durchaus Erfolge zeitigen, scheint eine neue Form der Behindertenfeind­lichkeit gegenüberzuste­hen. Angesichts zuneh­mender Gewaltbereitschaft und dem Erstarken alter eugenischer Gedanken in neuem, technologisier­ten Gewand besteht auch im 21. Jahr­hundert die Notwendigkeit, Behinde­rung als soziales Phänomen zu reflek­tieren, denn betroffene ­stellen immer wieder etwas provokativ fest, dass sie weniger behindert sind als behindert werden. Das von R. v. Weizsäcker erhobene Postulat, es müsse normal werden, verschieden zu sein, ist in unserer Kultur noch lange keine gelebte Selbstverständlichkeit.
Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten muss die übliche, für selbstverständlich gehaltene Unter­schei­dung zwischen "be­hin­derten­" und "nichtbehin­der­ten" Menschen als irrefüh­rend und nur begrenzt sinn­voll angesehen und somit relativiert werden, denn die Begrenzungen und Verletzlichkeiten des menschlichen Lebens gehen uns alle an. Ihnen als - vermutlich in der Mehrzahl selbst nicht von Behinderung betroffenen - Rehabilitationsprofis mute ich das Gedankenexperiment zu, die beruhi­gende Über­zeugung, behindert seien ja die ande­ren, versuchsweise in Frage zu stellen. Zu­nächst mag das befremden, Gefühle von Unbe­hagen oder Angst auslösen und Ab­wehrreaktionen in Gang setzen. Ich möchte aber Mut ma­chen, sich diesen nur zu natürlichen Reaktionen zu stellen und sich dem verborgenen Reich­tum zu öffnen, der einem solchen Wagnis inne­wohnt.
Im folgenden be­schäf­ti­ge ich mich mit der Frage, was die individuel­le und kultu­relle Ausein­anderset­zung mit den natürlichen Be­grenzun­gen des Lebens für bereits von Behin­derung betrof­fene und für bislang nicht selbst betrof­fene Menschen bedeu­ten. Auf­treten­de Krisen werden dabei als Entwick­lungs­chancen aufgefasst. Der Begriff "Annahme" bzw. "Akzep­tanz" wird etwas näher unter die Lupe genom­men. Dabei wage ich den Entwurf eines Selbst­ver­ständ­nisses, einer Konstruk­tion der Identität, die auf zerstöreri­sche All­machts­phantasien und Leidens­ver­leug­nung ver­zich­tet. Solche Einsichten könnten schließlich, so meine weitestgehende Vi­sion, zu einem gesellschaftlich-kulturellen Wertewandel beitragen und damit letztendlich der Gesundheit unse­res be­drohten Plane­ten dienen. Dass ich hier sehr weitge­hende Utopien zu träumen wage, habe ich schon angedeutet. "Realos" unter Ihnen mögen die Stirn runzeln, doch halte ich solche Visionen mit einem Wort Mahatma Gandhis für notwendig. Dieser hat einmal gesagt: "Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen."

2. Die Gefahren der Reise: Krisen als Risiko und Chance zugleich

Wir wollen nun mit unserer Aufmerksamkeit zu dem eingangs erzählten Traum zurückkehren und uns zunächst der aufgrabe zuwenden, die unsere Noma­din zu bewältigen hat, nämlich der schwierigen inneren Ausein­anderset­zung mit ihrer Behinderung sowie mit Stigmatisierung und Aus­gren­zung. Im folgen­den lege ich den Fokus meiner Betrachtun­gen auf die Situation von Men­schen, die erst im Laufe ihres Lebens mit einer Behin­derung kon­frontiert werden, denn ich nehme an, dass diese Personengruppe den größten Teil Ihrer Klientel ausmachen dürfte.

Wer im Laufe seines Lebens mit der Diagnose einer lebensverändernden Erkrankung bzw. einer schwerwiegenden körperlichen oder Sinnesbehin­de­rung kon­frontiert wird, wird in sei­nem Identitäts­erleben und in seinen bisheri­gen Lebens­entwürfen zutiefst erschüttert. Er blickt in eine Zukunft, die sich sehr davon unter­scheiden wird, wie er sich vor diesem Schicksals­schlag den Fort­gang seines Le­bens vor­gestellt und gewünscht hatte. Je nachdem, wie viele Lebensbereiche direkt oder indirekt betroffen oder bedroht sind, kann die unvermeidliche Erschütterung zum überwältigenden Trauma werden. Zahl­lo­se Fragen, Gefühle von Ungewissheit, Bedrohung und die angst­volle Erwar­tung zukünftiger Ver­luste drängen sich auf. Schlimmstenfalls kann die gesamte Identität in ihrer Integrität und Kohä­renz gefährdet sein. Neue, die Er­kran­kung bzw. Behinde­rung inte­grie­rende und dennoch sinn­gebende und befrie­digende Lebens­entwürfe er­scheinen zu diesem Zeitpunkt meist unvor­stellbar.
In dieser Situation taucht die - oft zu­nächst von der Umwelt (allen voran dem behandelnden Arzt oder den Angehörigen) an den Betrof­fenen her­angetra­gene - Forde­rung auf, die Erkrankung bzw. Behin­derung zu akzep­tieren. Der Betrof­fene spürt, dass daran etwas Wahres ist, doch sagt ihm in der Regel niemand, was "Akzeptanz" eigentlich bedeutet und wie er dieses hohe Ziel erreichen kann. So findet er sich einer neuen Le­bens­auf­gabe gegen­überge­stellt, die ihn unter Druck setzt, der er sich aber zu­nächst kaum gewachsen fühlen dürfte. Indem Akzeptanz, von außen als An­spruch an ihn herangetragen, gern im Sinne einseitiger An­passung und als mög­lichst reibungs­loses Einfügen in das normative System der Gesun­den bzw. Nicht­behinder­ten (miss-) verstan­den wird, findet er oft wenig Frei­raum vor, seinen individuellen, autono­men Weg der Ver­arbei­tung und Integra­tion zu finden. Dieser Aspekt ist auch für Sie als Rehabilitationslehrer sehr wichtig, denn oft werden Sie damit konfrontiert sein, dass Sie selbst Zielvorstellungen für Ihren Rehabilitanden haben, die dieser möglicherweise gar nicht oder nur eingeschränkt teilt. Hier stehen Sie vor der Aufgabe, sich zu fragen, wie Sie mit dieser Diskrepanz umgehen.
In der Gesellschaft tief verankerte Vorurteile, Klischees und mehr oder weniger subtile Stigmatisierungsprozesse tun das ihre dazu, den Bewältigungsprozess zu erschweren. Fragen Sie daher, welche Konzepte über Behinderung der nun Betroffene selbst vor Eintreten seiner Behinderung hatte und wie diejenigen seiner Angehörigen und Kollegen, nicht zuletzt aber auch von Ihnen selbst ausschauen.

Der Weg zur Akzep­tanz der Behinderung, zum Wiederfinden sinnvoller Lebensentwürfe und zur (Re-)Konstruktion einer balancierten, kohärenten und selbstbestimmten Identität dürfte steinig, voller Widersprüchlich­keiten und nicht frei von Krisen sein. Auf ihrer Reise wird unsere Nomadin auf zahlreiche Barrieren und Anfeindungen, auf Befremden und Gleichgültigkeit, vielleicht auch auf Spott und Verachtung stoßen. Sie wird sich oft ohnmächtig fühlen und andere Menschen werden versuchen, Macht über sie auszuüben. Um dies abzuwenden, mag sie selbst unbewusste Anstrengungen unternehmen, sich anderer zu bemächtigen und dazu vielleicht ihre Behinderung zu funktionalisieren. So können sehr ungute wechselseitige Abhängigkeiten in Beziehungen entstehen.
Mit etwas Glück wird unsere Nomadin aber auch Menschen begegnen, die ihr Wertschätzung, Respekt und Sympathie entgegenbringen, ihr mit Rat und Unterstützung zur Seite stehen.
Nicht immer wird es einfach sein, die zum erfolgreichen Fortsetzen der Reise notwendigen Hilfen und Kraftquellen (Ressourcen) in sich selbst und der Umwelt aufzuspüren und zu aktivieren, und so mögen sich immer wieder Gefühle von Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit einstellen. An dieser Stelle möge ein Satz des palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch Mut machen, der in seinem Gedicht „Der Würfelspieler“ sagt:
„Das Glück des Reisenden ist, dass Hoffnung Zwilling ist der Hoffnungslosigkeit.“

Geistige, seelische, soziale, materielle und spirituelle Ressourcen aufspüren zu helfen, ist eine Ihrer wichtigsten und fruchtbringendsten Aufgaben als Rehabilitationslehrer.
Eine ausgesprochen kraftvolle Ressource ist die Bilderwelt unserer Phantasien und Träume. Indem Normen sozialer Kontrolle im Traum zumindest teilweise außer Kraft gesetzt sind, indem sich also unser Unbewusstes innerhalb gewisser Grenzen äußeren Zwängen widerset­zen kann, stellt es den sonst so oft unzureichenden Freiraum für die Suche nach einem selbstbestimmten Lebensentwurf zur Verfügung,). Ein wunder­schönes Bild für die innersee­lischen, vielleicht auch die sozia­len Kräfte, die sicher durch den dunklen und gefährlichen Dschungel der zu verarbei­tenden Behinderung gelei­ten, erschafft der „Löwentraum“ eines meiner von Erblindung bedrohten Patien­ten, dem mein Buch „Löwin im Dschungel“ seinen Titel verdankt.
Kraftvoller Ressourcen wird auch unsere Nomadin bedürfen, will sie die Gefahren ihrer schwierigen Reise bestehen: Nicht nur hat sie, was allein schon schlimm genug wäre, ihr Au­genlicht ver­loren. Zu allem Überdruss wird sie von ihrem Stamm, für den nur zählt, wer - und zwar nur innerhalb eines sehr eingeengten Bedeu­tungs­horizonts - nützlich ist, verstoßen. Viele unserer Klientinnen und Klienten verlieren nach ihrer Erblindung ihren Job, manchen läuft der Partner davon. Menschen, die sie für Freunde hielten, mögen sich zurückziehen, von Nachbarn mögen sie sich misstrauisch oder mitleidig beäugt fühlen etc.
So begibt sich unsere Nomadin auf eine gefahr­volle Reise, deren Ausgang ungewiss ist. Wir müssen davon ausgehen, dass diese Frau zutiefst erschüt­tert, wahrscheinlich trau­matisiert und dass ihre Reise riskant und krisen­reich ist. Indem sie einen solchen Weg noch nie gegan­gen ist, fehlen ihr zunächst die Erfahrung und das Handwerks­zeug, die neue Aufgabe erfolg­reich zu bewältigen. Will sie die Gefahren beste­hen und ihr seelisches Gleichge­wicht wiederfinden, muss sie neue Pro­blemlö­sungs­strate­gien ent­wickeln. Instabi­lität und Schmerz in der Krise bewir­ken, dass sie für neues Lernen offen wird. Erwirbt sie neue Problem­lö­sungs­strate­gien, kann sie diese zur Bewälti­gung späterer Auf­gaben her­anzie­hen, hat also ihr Pro­blemlösungs­repertoi­re sinn­voll erwei­tert. Außer­dem lernt sie - im Sinne eines "learning to learn" -, wie sie in sich Res­sourcen aktivieren und neue Strategien er­arbeiten kann. "Krise" und "Chance" werden im Chine­sischen interessanterweise durch das identische Schriftzeichen ausgedrückt. Auch unsere westliche Psycho­logie hat ver­standen, dass Krisen die wichtigsten Motoren lebens­langer Entwick­lung sind. Eine solch positive Sicht kann helfen, auch in schwierigen Lebens­lagen Ge­fühle von Angst und Bedro­hung zu mil­dern und Hoffnung zu nähren.

3. "Was heißt denn hier Akzeptanz?" Die Studienziele und wer sie be­stimmt

Natürlich muss unsere Nomadin lernen, im Laufe ihres langen Studiums nach und nach ihre Behin­derung anzunehmen und mit ihr zu leben. Wie wir wissen, folgt dieser Lernprozeß bestimm­ten Regeln und verläuft in einer Aufeinanderfolge von Bewältigungs- bzw. Krisenver­arbeitungspha­sen, wie sie von unterschiedlichen, jedoch im großen und ganzen recht gut zu vereinbarenden Pha­senmodellen beschrieben werden (z.B. Schu­chardt 2003). Wir ken­nen Phasen wie Ungewissheit, Verleugnung, Aggres­sion, Verhand­lung, Depression und Trauer, Annahme, Aktivität und Solidarität:
Vermutlich wird unsere Nomadin die ersten Anzeichen ihres Sehverlusts kaum bemerken können oder wollen. Stolpert sie etwa über eine Zeltschnur, die sie nicht gesehen hat, wird sie dieses Missgeschick mit Schusseligkeit, Müdigkeit etc. begründen. Je schlechter sie sieht, desto größer wird mit der Zeit der Erklärungsnotstand, und Fehlinterpretation durch Nichtwissen wird nach und nach zur aktiven Verleugnung. Die beherr­schende Macht der Tatsachen macht diesen Abwehr­vor­gang mit der Zeit jedoch un­mög­lich. Auf ihrer mühseligen Reise wird unsere Nomadin sich dann wieder und wieder die unbeantwortbare und doch so natürliche Frage stellen: "Warum gerade ich?" Die darin enthalte­ne Wut kann ver­schieden­ste Formen annehmen. Sie kann sich nach außen ebenso wie in einer De­pression nach innen richten. Danach mag versucht werden, das Unaus­weichliche doch noch abzuwenden (Verhand­lung): Unsere Nomadin rennt vielleicht von Arzt zu Arzt, vom Heilpraktiker zum Wunderheiler, unternimmt Wallfahrten etc.. Sind all diese Versuche geschei­tert, kommt der Moment, an dem sie sich erschöpft an den Wegrand setzt, sich viel­leicht in eine Höhle zurückzieht und weint. Sie ist nun innerlich leer und bereit zu trauern, von ihren bisherigen Lebens­entwür­fen, Träumen und Hoffnun­gen Abschied zu nehmen und sich den erlittenen Verlusten ehrlich zu stellen. Der Blick richtet sich nach innen bis hinunter zu den eigenen Wurzeln und denen ihres Stammes, bis sie eines Tages so weit sein wird, in die Welt zurück­zukehren, in ihr aktiv zu werden, sich anderen Men­schen erneut und in gewandelter Weise zuzuwenden. Sie muss ihre Energie nun nicht mehr darauf verwen­den, gegen ihr Schicksal zu kämpfen. Statt­dessen wird sie offen für neue Lebens- und Sinn­mög­lichkeiten. Sie beginnt zu ver­stehen, dass sie sich durch veränderte Wert­orientierungen leiten lassen und ihre neuen Erkennt­nisse in die Welt hineintragen kann. Sie akzeptiert sich nun nicht mehr trotz, sondern mit, vielleicht sogar gerade wegen ihrer indivi­duellen Eigenart und wird sich des potentiellen Nutzens für ihren Stamm, der sie einst ausgestoßen hatte, gewahr. Sie fragt sich jetzt weni­ger, welchen Sinn ihr das Leben bringt als welchen Sinn sie selbst für das Leben hat. Das heißt, sie kann nun über den Tellerrand ihrer eigenen Betroffenheit hin­aus­sehen (Selbst­tran­szen­denz) und sich in die Gemein­schaft einbringen, der sie zumu­ten wird, sich ihrer­seits weiter­zuent­wickeln. Gefühle von Soli­dari­tät geben ihr die Kraft, die Rückreise in ihre Heimat anzutreten. Ihre Rückkehr wird nicht laut und triumphal sein, sondern eher still, beschei­den und zunächst für alle unauffällig, jedoch reich an innerer Stärke und Überzeugungskraft. Nutzt sie die Dinge, die sie auf ihrer Reise und während ihres Studiums erfahren und gelernt hat, wird sie zur Heilerin, zur unentbehrlichen Schamanin ihres Stammes. Damit werden Integra­tion und gesellschaftli­che Teilhabe zum wechselseiti­gen Lernprozeß aller Beteilig­ten; einseiti­ge Anpassung inter­essiert sie nicht.

Zwei Differenzierungen sind mir an dieser Stelle wichtig:
1) All zu häufig habe ich miterleben müssen, wie Betroffene mangelnder Annahme ihrer Behinderung verdächtigt wurden, wenn sie sich aggressiv verhielten, sich zornig zur Wehr setzten. Sie fühlten sich der Erwartung ausgesetzt, sich "angepasst, pflegeleicht und demütig lächelnd" zu präsen­tieren, wie es einmal eine blinde Kollegin formulierte. Daher sei hier noch einmal in aller Deutlichkeit unterstrichen: "Annahme" im Sinne ein­seitiger Anpassung und als möglichst rei­bungsloses Einfügen in das nor­mative System der Nicht­behinderten (miss-)zuverstehen, ist nicht der Akzep­tanz­be­griff, den ich vertrete. Mit "An­nahme der Behinde­rung" meine ich die innere Freiheit, seinen eige­nen, selbst­be­stimmten Weg des Um­gangs mit der Behinderung zu finden, Werte zu hinter­fragen und an der Entwicklung einer autonomen Wert­orientierung und Identität zu arbeiten. "Annahme" bedeutet also nicht, sich wider­spruchslos mit sekun­dären Schädigungs­folgen wie Diskriminie­rung, Aus­grenzung und sonstigen sozialen Missständen abzufinden. Viel­mehr muss auch die Fähigkeit entwickelt werden, selbstbewusst zum eigenen Sosein stehen, sich für seine Rechte einsetzen und seine Interessen vertreten zu kön­nen. Aggres­sion im sinne eines solchen Engagements und des Sich-Wehrens gegen Missstände ist selbstbewusster Ausdruck von Akzep­tanz und nicht eine vorüberge­hende Phase der Behinderungsver­arbeitung.

2) Wann immer ich im Rahmen von Vorträgen oder Semi­naren Phasenmo­del­le vorstellte, wurde Kritik laut in dem Sinne, durch die Beschreibung aufein­anderfolgender Phasen werde ein "Happy end à la Hollywood" vorgegau­kelt. Ganz berechtigt erscheint mir diese Kritik nicht, betont beispielsweise SCHUCHARDT doch die Unabgeschlos­sen­heit der Phasen und die Mög­lichkeit des Schei­terns bei unzureichender Prozessbegleitung. SCHUCHARDT schildert, wie die Phasenfolge immer wieder durchlaufen werden muss, im gün­stigen Falle allerdings auf jeweils höhe­ren Niveaus kognitiver Diffe­renzie­rung und affektiver Integration. Sie weist nach­drücklich darauf hin, dass die De­pression (Spiralphase 5) wie in jedem anderen Leben situativ immer wieder neu ausgelöst, jedoch auf dem Fundament der Annahme als selbst­verständlich dazu gehörig verarbeitet werden könne.
Mit meiner Auffassung des Akzeptanzbegriffs gehe ich noch einen Schritt weiter: Akzep­tanz kann niemals ganz endgültig, eindeutig oder frei von Ecken und Kanten oder zeitweiligen Rückschlägen sein. Viel­mehr bleibt das Leben mit der Behinderung unver­meidlich voller Span­nungen und Widersprüche: Nach gelungener Krisen­verarbeitung fühlen wir uns etwa lebendig, aktiv und voller Taten­drang, stoßen dann aber hart an die Gren­zen, welche die Behinderung oder die soziale Um­welt unserem Aktions­radius setzen. Wir suchen uns neue Betäti­gungs­felder, die mit der Behin­derung vereinbar sind, und müssen doch immer wieder erleben, wie wir neidisch werden auf Nichtbehinderte, denen Möglichkei­ten offen stehen, von denen wir Abschied nehmen mussten oder die wir niemals hatten. Als Blinde etwa sind wir mobil und haben gelernt, uns zu orien­tieren, stoßen uns dann aber in einem unkonzentrierten Au­gen­blick schmerzhaft die Nase an einem Tür­pfosten an. Wir möchten Bezie­hungen eingehen und müssen erleben, wie unser Behindert­sein bei vielen Men­schen auf Be­fremden, ja oft auf Angst und Ableh­nung stößt. Wir fühlen uns als gleich­wertige Mit­bürger und erfahren stets von neuem Diskrimi­nierung­ und Stigmatisie­rung. Vielleicht haben wir erfolgreich umgeschult, um dann bei der Ar­beits­platzsu­che vor verschlos­senen Türen zu stehen. Wir glauben, nach mühe­voller Arbeit an uns selbst in seeli­schem Einklang mit unserer Behinde­rung zu stehen und stellen mit Ver­wunderung fest, wie wir trotzdem von Zeit zu Zeit in Krisen geraten, heftige, chaotische Gefüh­le von Wut und Trauer durch­leben. Die Auf­zählung ließe sich fort­setzen.
Nun stellt sich die Frage: Bedeuten solche (scheinbaren?) Unge­reimt­heiten, dass wir etwas falsch machen, dass wir "es noch nicht ge­schafft haben", dass unsere Akzep­tanz unzureichend ist? Oder liegen diese Wider­sprüchlich­keiten in der Natur der Sache? Hieße gelungene Akzep­tanz dann nicht eher, dass wir lernen müssen, mit all dem zu leben in dem Wissen, dass diese Spannungen nicht endgültig aufgelöst werden können?
Nach all meiner Erfahrung als Betroffene und als Therapeutin bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass letzteres der Fall ist. Diese Einsicht mag entmu­tigt oder resigniert klingen. Sie hat jedoch in ihrer Ehr­lichkeit etwas Entla­stendes und Befreiendes, indem sie die Erlaubnis enthält, fühlen zu dür­fen, wie man fühlt, ohne sich deshalb mangelnde Annahme der Behin­derung vor­werfen zu müssen. Auch Sie als Rehabilitationslehrer, die mit Ihren erblindeten Trainingspartnern arbeiten und solche Schwankungen miterleben, kann diese Einsicht sehr entlasten und Ihnen helfen, gelassen, stützend und ermutigend damit umzugehen.
In einer solchen Sicht­weise sehe ich Bejahung auf einer tieferen Ebene. So will ich den Akzeptanz­begriff wie folgt neu fassen:
Akzeptanz in einem einerseits ehrlicheren und bescheideneren, anderer­seits tieferen und umfassenderen Sinne heißt, nicht nur die Behinderung als solche, sondern auch die wiederkehrenden Krisen und emotionalen Erschütterungen liebevoll anzu­nehmen als vollkommen gesunde und norma­le Reak­tionen.
Wie Verena Kast sagt, ist "Schattenakzeptanz", also die Annahme eigener Fehler und Schwächen, ein hochwirksamer Schutz des Selbstwertgefühls. Auf dem Boden so verstandener Akzeptanz kann Gelas­senheit wach­sen. Gelassen­heit beinhaltet das Wissen, dass das Leben voller Abgründe ist. KAST sagt:
"Gelassen ist man dann, wenn man das Selbstvertrauen hat, mit diesen Widrigkeiten umgehen zu können und in diesen Situationen auch die Selbstachtung nicht zu verlieren. Gelassenheit hat auch damit zu tun, etwas lassen, also auch bleiben lassen zu können und sich selber nicht so furchtbar ernst zu nehmen." (KAST 2003)
So wird Platz für reifen Humor: Dieser ist nicht aggressiv, hat nicht die Schärfe der Ironie und lässt mitlachen. Aber er ist überraschend, lockert Affekte, verfestigte Haltungen, Einstellungen und starre Denkmuster, scheinbar Festgefahrenes. Humor schafft inneren Abstand und hilft, sich von übertriebener Selbstbezogenheit zu lösen (KAST 2003).
Ich schlage vor, die Phasen der Krisenverarbeitung weniger in ihrer zeitli­chen Abfolge zu betrachten, sondern sie eher als Reaktions­möglichkeiten bzw. -komponenten zu ver­stehen, deren jede zu je ver­schiedenen Zeit­punkten mit unter­schiedlich viel psychischer Energie besetzt werden kann. Diese Sicht beinhaltet die Möglich­keit, dass verschiedene Reaktionsmuster mit sich verändern­den Gewichtun­gen neben- und mitein­ander existieren.
Mit zunehmender Krisenerfahrung kann zum Glück die subjektiv empfun­dene Be­drohung, die von der Krise und den mit ihr verbundenen emotiona­len Erschütterungen ausgeht, geringer werden. Das Wissen, frühere Krisen erfolgreich bewältigt zu haben, kann das Vertrauen stärken, auch diesmal wieder einen Weg finden zu können. Dies kann der Angst die Spitze nehmen und dazu beitragen, dass Krisen seltener auftreten, von Mal zu Mal kürzer dauern und weniger heftig ausfallen.

4. Reisen verwandelt den Reisenden: Identitätsentwicklung und Werte­struktur

Die Gefahren der Reise sind nun bestanden, die Wüste ist durchquert, die Studienjahre wurden erfolg­reich been­det. Ein filmreifes "Happy end" hat es nicht gegeben, auch wenn uns diese Vorstellung beruhi­gt hätte. Leben heißt ständige Verwandlung; den­noch können wir eine vor­läufige Zwi­schenbi­lanz ziehen und fragen, als was für ein Mensch mit welchen Wert­vor­stellungen unsere Nomadin nun in ihren Stamm zurück­kehrt. im folgenden richte ich das Augenmerk auf zwei Aspek­te: Den Umgang mit Spannungen und Wider­sprüchen sowie die Weiter­ent­wick­lung der Werte­struktur als we­sent­liche Merk­male gelun­ge­ner Identi­tätsent­wicklung.
Wir dürfen erwarten, dass unsere Nomadin sich nun nicht mehr als passi­ves, ausgeliefertes Opfer ihrer Behinde­rung und sozia­ler Stigmati­sierung erlebt, sondern als aktiv han­delndes Subjekt, also als ein Mensch, der Einfluss auf sein Ge­schick nehmen kann. Gelingende Krisen­verarbei­tung trägt dazu bei, sich stärker der eigenen Indivi­dualität, aber auch sozialer Ver­antwortung bewußt zu werden.

4.1 Integrierte Identität: Gegensätze als Pole einer Einheit

In einem gesellschaftlichen Um­feld, das sich zwischen Bemühungen um Gleichstellung und Teilhabe einer­seits, alten und neuen Ausgrenzungs­tendenzen andererseits polari­siert, ist es für Men­schen mit Behinderungen zunehmend schwie­rig, sich zu positio­nieren. Gera­de im (Wieder-)Finden und Neugestal­ten der Identität besteht jedoch eine we­sentliche Ent­wick­lungsauf­gabe. Für jeden Menschen ist die Arbeit an einer integrierten, kohärenten Identität ein le­benslanges Projekt. Wie wir gesehen haben, sind es gerade krisenhafte Ereignisse, die, werden sie als Chance wahrgenom­men, zu Katalysatoren der Identitätsentwick­lung werden. Gerade das Leben mit einer Behinderung ist überreich an unauflös­baren Wider­sprü­chen.
Besinnen wir uns an diesem Punkt auf eine - der Philoso­phie und Religion seit langem bekannte - Grundtatsache:
Das - individuelle ebenso wie gesell­schaftliche - Leben vollzieht sich nicht geradlinig und widerspruchsfrei gemäß einer von uns für ratio­nal gehalte­nen Logik. Vielmehr ist es voller Wider­sprüche und folgt seinen eige­nen, oft schwer durchschaubaren Regeln. Es spannt sich zwi­schen Polari­täten auf. Hermann Hesse schreibt:

"Unse­re Bestim­mung ist, die Gegensätze richtig zu erkennen, er­stens nämlich als Gegen­sätze, dann aber als Pole einer Einheit." (Aus: "Das Glasperlen­spiel")

In der Philosophie PLATONs ist es der Eros, der die Gegensätze in der Außenwelt wie im Inneren des Menschen zusammenführt. Aufgabe des Arztes sei, schreibt Platon, das Feindse­lige im Leibe mitein­ander zu befreunden, dass es sich liebe. Diese Liebe habe der Gott As­klepeios einzuflößen verstanden. Zu unse­ren Entwick­lungsauf­gaben gehört, uns stets von neuem zurecht­zufinden zwi­schen so entgegengesetzten Polen wie: Gut und Böse, Leben und Tod, Integrität und Zerrissenheit, Licht und Schatten, Tatendrang und Ruhe­be­dürfnis, geistige Klarheit und unbewusste Triebhaf­tig­keit, Struktur und Chaos, Stärke und Schwäche, Hoffnung und Ver­zweif­lung, Männ­lichkeit und Weiblich­keit, Einsamkeit und Bindung usw.. All diese Pole stellen Erlebens- und Ver­hal­tensmöglich­keiten dar, deren Gegensätzlich­keit verwirrend und mitunter schwer aushaltbar sein kann, zumal wir uns zu verschiedenen Zeit­punkten unseres Lebens an sehr unterschie­dlichen Orten auf dem zwischen den Polen aufgespannten Kontinuum finden bzw. uns aktiv dorthin orien­tieren müssen. Voraussetzung hierfür ist eine gute Fähigkeit zur Selbstwahr­nehmung und -reflexion, die uns erspüren lässt, was im jeweiligen Moment vonnöten und sinnvoll ist.
Dabei kann es nie­mals um ein Entwe­der-Oder verschiedener Aspekte gehen, sondern um ein stets neues Ausloten innerhalb eines Spannungs­feldes zwischen Gegen­sätzen, die zu­sam­men­gehö­ren als Seiten dersel­ben Medail­le.
Der Verzicht auf ein vermeintlich klares Entweder-Oder als einfache Selbst- und Weltsicht mag hohe Ansprüche stellen. Er ist aber auch entla­stend, indem auf diese Weise unter­schiedlichste Erlebens- und Verhaltens­möglichkeiten in einen Sinnzusam­menhang gestellt und akzeptierend zugelassen werden können.
Bezogen auf unser Thema bedeutet das, dass unsere Nomadin sich stets von neuem orten muss zwischen Polen wie: Krank - gesund, behindert - nicht behindert, Defizit - Ver­schiedenheit, Ohnmacht - Selbstwirksamkeit, Kränkbarkeit -Selbstbewusst­sein, Abhängigkeit - Autonomie usw..
Befragen Sie sich bitte selbst danach, wie Sie in Ihrem eigenen Leben und Ihrem eigenen Selbstverständnis mit solchen inneren Widersprüchen umgehen, denn auch hier sind Ihre innere Haltung, Ihr eigener Umgang und der Stand Ihrer persönlichen Entwicklung entscheidend dafür, wie Sie auf Ihre Trainingspartner zugehen können.

Dieser fortlaufende und nie endende Prozess des Sich-Verortens erzeugt eine oft schwer aushalt­bare Span­nung und birgt in sich doch die Chance, das Leben in seiner Komplexität besser zu be­greifen.
Dies ist umso wert­voller in einer Kultur, die - mit oft fatalen Folgen - zu Schwarz-Weiß-Denken neigt: Gut sind die einen, böse die anderen etc.. Gelingt es unse­rer Nomadin, sich ihrer Umwelt mit diesen hart erarbeite­ten Einsichten verständlich zu machen, könnte sie ihrem Stamm helfen, nicht nur mehr Toleranz für Spannungen und Gegensätze zu entwickeln, sondern darüber hinaus den ihnen innewohnenden Reichtum entdecken und schät­zen zu lernen. Die Tragweite solcher kulturellen Entwicklungen ist unschwer zu erkennen, könnten sie doch manch unnütze Kriege verhindern helfen und zerstörerischen Fremdenhass überflüssig machen, um hier nur zwei Bei­spiele zu nennen.

4.2 Die Veränderung von Normen und Werten

Die bewusste Auseinanderset­zung mit einer Behinderung kann Anlas sein, bisher für unumstößlich gehaltene Ein­stellungen und Wer­te zu hinter­fragen. Eine solche Entwicklung mag zunächst beun­ruhigen, beraubt sie doch des Schutzes konformer Orien­tierung. Sie kann aber auch spannend und befreiend sein auf dem Weg zu mehr geistig-seelischer Freiheit. Langfristig kann sie im Rahmen des schon angespro­chenen wech­selseiti­gen Lernprozesses zum Wandel der gesell­­schaftlich-kulturellen Werteland­schaft beitra­gen. Als Menschen mit Behin­derung haben wir etwas zu sagen, können kritische Fragen stellen und helfen, bislang für heilig gehaltene Kühe zu schlachten.
Im folgenden seien einige Beispiele ge­nannt. Ich lade Sie ein, in sich nachzuspüren, wie Ihre eigenen Wertorientierungen ausschauen:

* Konzentration auf Wesentliches
Indem wir nicht (mehr) alles können wie zuvor, sind wir aufgefordert zu fragen, worauf es uns im Leben wirklich ankommt. Wir lernen, We­sentli­ches von Unwesentlichem zu unter­scheiden. So intensivieren wir unser Leben auch in solchen Bereichen, die von der Behinde­rung gar nicht betroffen sind, und werden gelassen gegenüber dem, was uns nun neben­sächlich geworden ist.

* Wertschätzung des Positiven
Indem für uns nichts mehr selbstverständlich ist, können wir lernen, alles Positive, das wir erreichen oder das uns zuteil wird, um so intensiver wertzuschätzen und zu genießen. So kann jeder neue Tag zum bewussten Vollzug werden.

* "Ich bin glücklich, einfach weil ich lebe." *

Eine Behinderung kann uns auffordern, das in unserer Kultur übliche Nützlichkeits­denken zu hinterfragen und das Leben selbst als Wert zu begreifen. Damit können wir lernen, auch das Leben anderer - seien dies Menschen, Tiere oder Pflanzen - zu achten; dies wird Folgen für unseren Umgang mit der Welt haben.

* Entwicklung von Normen der Solidarität und Gegenseitigkeit
Unser zeitweiliges Angewiesensein auf Hilfe anderer kann uns bewegen, Normen der Solidarität und Gegenseitigkeit zu entwickeln, die unserer kälter gewordenen gesellschaftli­chen Realität dringend Not tun.

* Abschiedlich leben lernen
Setzen wir uns bewußt mit einer Behinderung auseinander, können Leid, Unvollkommenheit und schließlich Aufgeben- und Ster­benmüssen zur durchlebten Selbstverständlichkeit werden. Damit verabschieden wir uns von illusionären Vollkommenheits- und Allmachtsidealen. Wie zerstörerisch diese für unser Zusammenleben und unsere bedrohte Welt sind, ist eingangs bereits ange­klungen.

* Orientierung am Hier und Jetzt
Verkraften wir die erlittenen und/oder noch zu erwartenden Verluste, können wir lernen, den Augenblick achtsam wahrzunehmen und zu genie­ßen. Diese Fähigkeit (um die die Humanisti­sche Psychologie und der Zen-Buddhismus mit viel Mühe ringen) können wir als eigen­ständigen, positi­ven Wert erkennen, denn ein Leben in Konzentration und Acht­sam­keit gewinnt eine eigene, außerordentlich intensive Qualität.

* Individuelle Standards entwickeln
Wir leben in einer Kultur, in welcher die Konkurrenz um die beste Lei­stung oder das teuerste Statussymbol einen sehr großen Platz einnimmt. Indem wir als Behinderte in diesem Kampf mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückbleiben, haben wir die Chance, die Sinnhaftigkeit solcher Normen zu hinterfragen und unsere persönlichen Standards zu entwickeln. Unser Bemühen zählt dann mehr als das Leistungsprodukt, und wir können uns freuen an dem, was uns auf dem Boden unserer individuellen Fähigkeiten möglich ist. Unsere veränderte innere Haltung könnte Nichtbehinderte anregen, über die zerstörerische Kraft von Konkurrenz- und Statuskämp­fen nachzudenken.

* Die Entdeckung der Langsamkeit
Indem das in unserer Gesellschaft übliche "Leben auf der Überholspur" uns nicht mehr möglich ist, können wir die eigenen Qualitäten entdecken lernen, die einer Verlangsamung des Tempos, einem mehr an Ruhe und Kontemplation innewohnen. Eine solche Reduktion von Turbogeschwindig­keit täte auch unseren nicht­behinderten Mitbürgern mehr als gut.

* Engagement für die Welt, in der wir leben wollen
In der Auseinandersetzung mit Stigmatisierung können wir uns gesell­schaftlicher und politischer Zusammenhänge bewusster werden. Dies kann dazu anregen, Vorstellungen über eine wünschenswerte gesellschaftliche Entwicklung zu entwerfen und sich Gedan­ken zu ma­chen, wie wir unsere Einsichten in verantwortliches Han­deln umsetzen können.

5. Die Rückkehr der Nomadin: Integration und gesellschaftliche Teilhabe als wechselseitiger Lernprozeß

Unsere Nomadin ist nach der Rückkehr in ihre Heimat zur Heilerin, zur unentbehr­lichen Schamanin ihres Stammes geworden. Auch wenn sie nicht mehr wie vor ihrer Erblindung die Herden hüten kann, ist sie auf neue Weise von größtem Nutzen für die Gemein­schaft, die sie einst ausgestoßen hatte. In meinem Vortrag dürfte deutlich gewor­den sein, dass die bewusste Aus­ein­andersetzung mit einer Behinde­rung Entwicklungsprozesse in Gang setzen kann, die weit über den Tel­lerrand der Behinde­rungs­bewälti­gung hinausgehen. Werden Behinderte nicht auf "Defizitwe­sen" reduziert, die man freundlich integrieren kann oder auch nicht, besteht die Chance, dass Menschen mit und ohne Behinde­rungen in einem wechselseitigen Lern­prozeß voneinander profitieren und gemeinsam an der Schaffung einer lebenswerten Wirklichkeit zu arbeiten beginnen.
Ich träume davon,

* dass Menschen mit Behinderungen vor sich selbst und in der Öffentlich­keit zu ihrem Sosein stehen und sich erlauben, verschieden zu sein,
* dass sie zu einem selbstbestimmten, sinnerfüllten Leben finden und nicht einen Großteil ihrer Lebensenergie darauf verschwenden, sich auf den Glauben an medi­zinischen Fort­schritt zu fixieren, der ihre Behinderung eines Tages aus der Welt schaf­fen soll,
* dass sie sich trauen, für unumstößlich gehaltene Normen in Frage zu stellen und eigene Standards und Werte zu entwickeln,
* dass Menschen mit und ohne Behinderungen in einem komplementären Entwicklungsprozess dahin gelangen, sich gegen­seitig zu achten, aufein­ander zuzu­gehen, Vorurteile abzubauen und von­einander zu lernen,
* dass die Integration behinderter Menschen zu einem Einigungsprozess mit dem Ziel ech­ter Gemeinsamkeit ohne einseitigen Anpassungs- und Kon­formitäts­druck wird,
* dass Ausgleich und die Verwirklichung von Bürgerrechten an die Stelle von wohl­tönenden Festreden, von Mitleid, Bevormundung und Ausgren­zung treten,
* dass behinderte Menschen, die selbstbewusst zu ihrer "Schwäche" stehen, dem kollekti­ven Größenwahn, wie er sich im "Gotteskomplex" manife­stiert, einen Spiegel vorhalten und zur Erkenntnis verhelfen, dass Sterb­lichkeit, Unvoll­kommenheit, Begrenztheit, Leid und das Eingestehen von Ohnmacht zum Menschsein gehören und als gesund zu integrieren sind,
* dass sich so allmählich ein Verständnis dafür entwickelt, wie zerstöre­risch die Beibehaltung des "Gotteskomplexes" für jeden einzelnen, die Kultur und das Überleben unseres Planeten ist,
* dass möglichst viele Menschen den Mut aufbringen, zu träumen und Uto­pien zu entwickeln bzw. lebendig zu halten, statt sie in vermeintlichem Realismus zu ersticken,
* dass diese Menschen es ertragen, belächelt zu werden, wenn sie in solcher Weise gegen den Strom schwimmen,
* dass verschiedenste gesellschaftliche Gruppen sich in gegenseitiger Toleranz, mit Respekt und Neugier aufeinander zu bewegen, das Ge­spräch suchen und gemeinsam an der Entwicklung einer humanen Kultur arbei­ten, in der es sich für alle zu leben lohnt,
* dass über all solche komplizierten Probleme und Aufgaben ein gesunder Humor und die Fähigkeit, das Leben auch von der leichteren Seite zu nehmen und zu genießen, niemals verloren gehen.
Wollen wir als behinderte Menschen auf Humanisierung, Entstigmatisie­rung und Solidarität hinarbeiten, müssen wir uns einmischen, müssen von Objekten der Fürsorge (Betreuung, Rehabilitation, Ausgrenzung etc.) zu Subjekten der Veränderung werden. Das dürfte unsere einzige Chance sein, hat sich der Wert anderer Maßnahmen zur Einstellungsänderung und Entstigmatisierung (z.B. Informationskampagnen) doch längst als besten­falls begrenzt, manchmal nutzlos und zuweilen kontraproduktiv erwiesen.

Machen wir uns abschließend noch einmal klar: Die Gesellschaft braucht uns Behinderte ebenso, wie wir die Gesellschaft brauchen. Das Zusammen­leben von Menschen mit und ohne Behinderungen ist eine ebenso schwieri­ge wie wertvolle und bereichernde Herausforde­rung für alle Beteiligten.
Indem wir, wie Kebelmann schreibt, oft „Exo­ten" und "Zentrum einer schwer zu ertragenden Aufmerk­samkeit" bleiben, haben wir auch eine Chance, die wir nicht verschenken sollten: Die Nicht­behin­derten durch unser Sosein, unsere Selbst­präsenta­tion und die von uns geleb­ten Über­zeugungen bzw. Werthaltungen (viel­leicht) zum Nach­den­ken zu bringen.
Ich will Mut machen, unbequeme und provozieren­de Fragen zu stellen - wort­los durch die Art und Weise unseres In-der-Welt-präsent-Seins, aber auch durch unsere aktive Einmischung in den gesell­schaftli­chen Dis­kurs. Für mich bedeutet das, unser Leben mit seinen spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten zu verantworten, mit Sinn zu füllen und zu genießen. Solch anspruchsvollen Aufgaben können wir ohne Selbst­über­forde­rung gerecht werden, wenn wir es schaffen, uns die Behin­de­rung an­zueignen, zu selbstbewussten, selbst­bestimmten und eigenwilligen Indivi­duen in geistig-see­lischer Freiheit heranzureifen, uns unsere Ecken und Kanten zu erlauben, den Zugang zu unseren inneren und äußeren Ressour­cen zu pflegen und uns eine gesunde Portion Humor, innere Ruhe und Gelassen­heit zu bewah­ren. Gelingt das, könnte Behinderung trotz aller unvermeid­lichen und niemals zu leugnenden Widrigkeiten und fraglos auftretenden Belastungen zu einer Art Geschenk werden, wie der im Laufe seines Lebens erblindete argentinische Dichter J.L. BORGES schreibt: Die Dinge um uns herum und in unserem Leben seien uns gegeben, um sie umzufor­men. Gelange ein Blinder dahin, so zu denken, dann sei er geret­tet

Sollten die Denkanstöße dieses Vortrags dazu beigetragen haben, solche Entwick­lungen anzuregen und zu fördern, hat sich die Mühe gelohnt. Uns allen wünsche ich den Mut, die Lust, Kraft und Phantasie zu träumen und Ziele zu finden, für die es sich ein­zusetzen lohnt.

6. Zum Umgang mit Krisen

Abschließend will ich mich der konkreten Begegnung zwischen Ihnen als Rehabilitationsprofis und Ihrem Klienten widmen und einige Anregungen geben, wie sie mit sich selbst, ihm und der Beziehung umgehen können, wenn Sie spüren, dass Ihr Klient und/oder Ihre gemein­same Arbeit sich in der Krise befinden. Es dürfte kaum notwendig sein zu betonen, dass es keine Patentrezepte oder "Gebrauchs-anweisungen" geben kann. Ich möchte Sie lediglich anregen, sich selbst und Ihrem Klienten Fragen zu stellen, über die es sich nachzuden­ken lohnt und die vielleicht Wege aus der Krise aufzeigen können.

6.1 Was Sie sich selbst fragen können

Natürlich sind Sie kein unbeschriebenes Blatt, wenn Sie mit Ihrem sehbehinderten oder blinden Klienten in Kontakt treten: Sie begegnen ihm als Mensch mit einer Biographie, mit Ihren je individuellen Lebens-, Lern- und Beziehungserfahrungen, Fähigkeiten und Ressourcen, bewussten und unbewußten Defiziten und Konflikten, Wün­schen und Phantasien. Sie bringen Ihre Einstellungen und Werthaltungen ebenso mit wie Ihre Vorurteile (davon ist niemand frei). Sollten Sie selbst sehbehindert oder blind sein, kommen natürlich Ihr eigener Umgang und Ihre eigene Geschichte mit Ihrer Behinderung ebenfalls zum Tragen. Die folgenden Fragen sollen Ihnen helfen herauszufinden, wo Sie selbst ste­hen und was das für die Begegnung mit Ihrem Klienten bedeutet:

* Welche Ängste haben Sie selbst vor Krankheit bzw. bestimmten Krank­heiten?
* Welche gesellschaftlich vermittelten Überzeugungen über bestimmte Krankheiten bzw. Behinde­rungen teilen Sie?
* Welche unbewußten Konnotationen verbinden Sie mit bestimmten Krank­heiten bzw. Behinderungen?
* Falls Sie selbst sehgeschädigt oder anderweitig behindert sind: Wo stehen Sie selbst in der inneren Auseinandersetzung mit Ihrer Behinde­rung?
* Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Verletzlichkeit, Kränkbarkeit und Sterblichkeit um?
* Was für Lebenskrisen und Schicksalsschläge (z.B. den Tod eines gelieb­ten Menschen) haben Sie selbst bislang erlebt und wie haben Sie diese ver­arbeitet?
* Wie orientieren Sie sich selbst inmitten der unauflösbaren Widersprü­che, die es auch in Ihrem Leben gibt? Wie groß ist Ihre eigene Span­nungs- und Ambiguitätstoleranz?
* Wie sehr sind Sie sich Ihrer eigenen Wertvorstellungen, z.B. in bezug auf Themen wie Leistung und Konkurrenz, Schönheits- und Jugend­lich­keitsideal etc. bewußt?
* Wie gehen Sie mit Ihrem eigenen Körper um?
* Wie geht es Ihnen mit dem Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit? Wie kommen Sie damit zurecht, daß es Probleme gibt, die Sie nicht lösen bzw. lösen helfen können? Sind Sie anfällig für Allmachts­phant­asien?
* Können Sie akzeptieren, wenn es keine schnellen Antworten gibt und somit Beunruhigung, Spannung und Frustration über längere Zeit ertragen werden müssen?
* Sind Sie in der Begegnung auf die Behinderung des Klien­ten fixiert, die dann zum "Master status" würde? Oder sind Sie sensibel für The­men, Proble­me und Konflikte, die damit nichts zu tun haben? Wie offen sind Sie also in Ihrer Wahrnehmung?
* Sind Sie in Gefahr, den Klienten (z.B. in Form von Mitleid oder Bevor­mundung durch "gut gemeinte" Ratschläge) in der Kind-Rolle zu fixieren oder können Sie seine Ressourcen und Fähigkei­ten wahrnehmen, anerken­nen und fördern? Können Sie also Hilfe zur Selbst­hilfe geben? Können Sie akzeptieren, wenn der vom Klienten gewählte Entwicklungsweg sich von Ihren eigenen Zielvorstellungen unterschei­det?
* Können Sie ertragen, wenn Sie den Eindruck gewinnen, daß Ihr Klient im Umgang mit seinem Schicksal Stärken und Fähigkeiten an den Tag legt oder entwickelt, die Sie sich selbst in einer ähnlichen Situation nicht zutrauen würden? Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich dann unterlegen oder beschämt fühlen?
* Können Sie, wenn nötig, mehr körperliche Nähe zulassen, als dies im Umgang mit nichtbehinderten Klienten üblich und sinnvoll ist (etwa wenn Sie Ihren blinden Klienten führen oder einen Körperbehinderten auf die Toilette bringen müssen?

6.2 Einige Fragen zur Krisenintervention

Ging es im letzten Abschnitt in erster Linie um Ihre Persönlichkeit, Ihre innere Haltung, Ihre Einstellungen und die Über­tragun­gen, die Sie selbst in die Beratungs-, Unterrichts- oder Trainingssituation einbringen, seien nun exem­pla­risch einige Fragen formuliert, die das konkrete Her­angehen an krisen­hafte Situationen erleichtern sollen:

* An welchem Punkt seines Krisenverarbeitungsprozesses steht der Klient gerade? Wo muss ich ihn abholen?
So hätte es etwa keinen Sinn, in der Phase der Verleugnung die Durch­führung eines Langstock­trainings anzusprechen oder zu glauben, intensive Trauergefühle bearbei­ten zu können.
* Welche Lebensmöglichkeiten hat der Klient nicht mehr? Welche muss er wegen des nun zu hohen Kraftaufwands oder zu großer Gefahr (z.B. Auto­fahren bei Gesichtsfeld­einschränkung) loslassen?
* Kann so viel Distanz zur Krise hergestellt werden, daß eine Ausein­andersetzung überhaupt möglich ist? Hat der Klient infolge frühe­rer traumatischer Erfahrungen Streßnarben im Gehirn entwickelt, welche die Ver­arbei­tung der aktuellen Krise erschweren? Ist letzteres der Fall, muss im Falle einer psychologischen Beratung bzw. Therapie das Vorgehen entsprechend modifiziert werden. Der Einsatz stabilisieren­der Übungen, wie wir sie aus der Psy­chotraumato­logie kennen, ist dann indiziert, bevor in eine tieferge­hende emotionale Arbeit eingestie­gen werden kann. Voraussetzung ist eine fundierte psychotherapeutische Ausbildung und Spezialqualifikation im Bereich der Psychotraumatologie sowie profunde Berufserfahrung. Im Zweifelsfalle überweisen bzw. empfehlen Sie bitte an einen hierfür ge­eigneten Psychotherapeuten. Das gilt natürlich auch und erst recht dann, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob der Klient suizidal sein könnte. Ziehen Sie dann bitte einen erfahrenen Therapeuten und/oder Psychiater hinzu.
* Wie ist der Klient früher mit Krisen, Schick­salsschlägen und inneren Spannun­gen umgegangen? Auf welche Ressour­cen und welches Problemlö­sungs­repertoire kann er zurückgreifen?
* Verfügt der Klient über Fähigkeiten, die für den Umgang mit einer Behinderung erforderlich sind (soziale Kompetenz, Selbstsicherheit, Stressbewältigung etc.) oder müssen solche Kompetenzen erworben bzw. verbessert werden?
* Welche Beziehung zu seinem Körper hatte der Klient vor Ein­treten der Behinderung? So ist es eine verbreitete Ein­stellung, der Körper habe zu funktionieren wie eine Maschine. Eine solche Haltung erschwert natürlich die Akzep­tanz einer Behinderung.
* Was assoziiert der Klient mit Krankheit oder Behinderung? Sieht er sie als Versagen, etwas Ekelhaf­tes oder Wertminderndes? Spuken in seinem Kopf Vorstellungen von "lebensunwertem Leben" herum (umso mehr dann, wenn er oder seine Eltern in der Zeit des Nationalsozialismus aufwuchsen)?
* Gibt es psychosomatische Beschwerden, die im Zusammenhang mit der Krise verstanden werden müssen?
* Gibt es Lebensbereiche, die von der Krise nicht betroffen sind? Können Sie den Klienten ermuntern, diese zu stärken und daraus Kraft zu schöp­fen?
* Gibt es neue Lebensbereiche, die sich der Klient erschließen kann, um erlittene Verluste auszugleichen?
* Was ist das Lebensideal des Klienten? War dieses vielleicht schon vor Eintreten der Behinde­rung illusionär?
* Was für ein Mensch war der Klient vor Eintreten seiner Behin­derung? Gibt es Probleme, die er nun fälschlicher­weise auf die Behinde­rung schiebt, obwohl sie ganz anderen Ursprungs sind? Wo redet er sich viel­leicht auf die Behinderung heraus?
* Gibt es Fähigkei­ten, die der Klient nicht einsetzt, etwa um im Sinne sekundären Krankheitsgewinns andere für sich einzuspannen oder Druck auszuüben?
* Was bedeutet die Erkrankung bzw. Behinderung für die Angehörigen und sonstigen Bezugspersonen? Welche Unterstützung brauchen sie?
* Lebt der Klient in einem Beziehungsgefüge, das einer gesunden Ent­wicklung förderlich ist oder im Wege steht? Letzteres wäre etwa der Fall, wenn die Selbständigkeit des Klienten von einem dominan­ten Ehepartner nicht gewünscht wird oder wenn die Beziehungspartner in gemeinsamer Abwehr (Kollusion) unbewusst die Bewältigung der Krise boykottieren.
* Können Sie Ihre eigenen emotionalen Reaktionen zum Verständnis des Klienten nut­zen? So mag es vorkommen, daß Sie Gefühle von Ohn­macht und Hilflo­sigkeit durch die Vorstellung abwehren, es müsse rasch eine "groß­artige Lösung" gefunden werden. Wenn Sie ärgerlich werden, kann dieses Gefühl darauf hinweisen, daß der Klient seine eigene Aggression als durchzuarbeitende Bewältigungsphase (noch) nicht erleben kann (wir sprechen dann von "komplementärer Gegenübertragung"). Ebenso gut ist möglich, daß Sie gemeinsam mit ihm Trauer oder Verzweiflung spüren ("konkordante Gegenübertragung"). Solche Gefühle mögen Sie zunächst verunsichern, können aber sehr hilfreich sein, wenn es Ihnen gelingt, sie zu verstehen, mit Ihrem Klienten zu teilen und zu nutzen.
* Welchen Halt können Sie dem Klienten in Zeiten heftiger emotiona­ler Erschütterungen bieten? Sind Sie telefonisch erreichbar? Können Sie in der Begegnung mit ihm mehr Nähe zulassen, als Sie es sonst gewohnt sind (evtl. auch Körperkon­takt)?
* Welche anderen Hilfsquellen gibt es? Wo findet der Klient auch außer­halb der Beziehung zu Ihnen Unterstützung?
* Welche praktischen Lösungsmöglichkeiten (z.B. Umschulung) gibt es? Wie können Sie den Betroffenen hierzu motivieren? Wer sollte hinzugezo­gen werden (Behörden, soziale Einrichtungen, Selbsthilfeverband, Hilfs­mittel­firma etc.)?
*Wie kann ein neuer Umgang mit der Angst gelernt werden?
* Wo liegt für diesen Klienten eine Entwick­lungschance jenseits der Behinderungsverarbeitung im engeren Sinne?

7. Schlussbemerkungen

Mir ist bewußt, daß meine Ausführungen im Rahmen dieses Skripts höchst unvollständig bleiben müssen. Wer sich für ein tieferes Verständnis soziologischer und psychologischer Aspekte des Lebens mit einer Sehschädigung interessiert, sei auf meine Bücher (siehe unten) verwiesen.
Im Rahmen dieses Skripts hätte es wenig Sinn, Sie mit noch mehr Fragen zu konfrontieren (und womöglich zu er­schlagen), denn letztlich stellen sich so viele Fragen, wie es Men­schen und Situationen gibt. Mir geht es nicht um "Patentrezepte", die es ohnehin nicht gibt, sondern darum zu sensibilisieren und zu einer fra­genden, offenen Haltung in der Begegnung mit Ihrem sehgeschä­digten Klienten zu ermuti­gen. Viel­leicht ist es gelungen, Berüh­rungs­ängste und Unsicherhei­ten zu mil­dern. Sollte den­noch anfänglich eine gewisse Befangenheit im Kontakt bleiben (was vermutlich kaum zu vermei­den ist), möchte ich abschließend Mut machen, sich diese wohl­wollend zuzugeste­hen und in der Begegnung offen zu thema­tisieren. Ich bin überzeugt, daß eine solche Ehrlichkeit alle Betei­ligten erleich­tert, Türen öffnet und hilft, Barrieren abzubauen. Gelingt es Ihnen, Ihren Klienten als ganzen Men­schen wahrzunehmen, ihn in seiner jeweiligen Lebenssituation und Befind­lichkeit zu verstehen und eventuelle seelische Krisen und nach Möglichkeit mit auffangen zu helfen, wird auch die sachbezogene Arbeit, die Ihr Auftrag ist, wesentlich leichter gelingen und für alle Beteiligten befriedigender und erfreulicher sein können.

8. Literatur

Borges, J. L.: Geschichte der Nacht (Edition Akzente, Hanser, Mün­chen 1984)
Glofke-Schulz, E.-M.: Das behinderte Kind - ein Schadensfall? Eine Polemik aus der Sicht einer Psychotherapeutin und behinderten Frau (Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 3/2002, S. 243 f.)

Glofke-Schulz, E.-M.: Das behinderte Kind - ein Schadensfall? Über­legungen zum Karlsruher Behindertenurteil (Horus. Marburger Beiträ­ge zur Integration Blinder und Sehbehinderter, 1/2003, S. 4-7)

Glofke-Schulz, E.-M.: Löwin im Dschungel. Blinde und sehbehin­derte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung (Psychosozial-Ver­lag, Gießen 2007)

Glofke-Schulz, E.-M.: Perspektiven der Behinderungsverarbeitung und Identitätsentwicklung im Lichte einer tiefenpsychologischen und ressourcenorientierten Sichtweise - dargestellt am Beispiel Sehschädigung (Psychosozial-Verlag, Gießen 2008)

Kast, V.: Gehobene Emotionen als Ressourcen in der Psychotherapie unter Einbeziehung einiger neurowissenschaftlicher Forschungen (Audito­rium Netzwerk, Müllheim 2003)

Kebelmann, B.: Ideen zur Strategie eines eigenwilligen Lebens. Behin­derte und ihre Rolle als Gesellschaftspartner. Teil 2 (Horus. Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehin­derter, 4, 2005, S. 151-158)

Richter, H.E.: Der Gotteskomplex (Rowohlt, Reinbek 1979)

Richter, H.E.: Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesell­schaft (Psychosozial Verlag, Gießen 2006)

Schuchardt, E.: Krisen-Management und Integration
Bd. 1: Biographische Erfahrung und wissenschaftliche Theorie.
Bd. 2: Wei­terbildung als Krisenverarbeitung (Theorie und Praxis der Erwachsenen­bildung, WBV, Bielefeld 2003)