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Psychotherapie
Glofke-Schulz

Pressestimmen / Buchbesprechungen



1. "Löwin im Dschungel - Blinde und sehbehinderte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung"

Von Eva-Maria Glofke-Schulz

1.1 Von Katharina und Manfred Knoke


Eva-Maria Glofke-Schulz legt eine wissenschaftlich fundierte Arbeit vor, die bereits mit einem ausführlichen und sehr persönlichen Vorwort den Leser in ihren Bann zieht. Die Verfasserin scheut sich nicht, ihr Leben als blinde Frau in unserer Gesellschaft zu dokumentieren und das vielschichtige, multifaktorielle Phänomen der Behinderung in allen nur möglichen Facetten in Beziehung zu setzen mit dem Prozess der Krisenverarbeitung und Identitätsentwicklung.

Ihre ungewöhnliche Offenheit macht es möglich, eine Vielzahl theoretischer Konstrukte für die Auseinandersetzung mit der Behinderung als Stigma einerseits und der Selbstwerdung andererseits auszuwerten und einer breiteren Leserschicht erfahrbar zu machen. Sie hinterfragt gesellschaftliche Praktiken und gestaltet sie neu, sie ermöglicht dem Leser sich zu identifizieren und personale und soziale Identität neu zu formen.

Sie findet viele Beispiele von Alltagssituationen zwischen Behinderten und Sehenden oder ergänzt mit Träumen, Vorstellungen und Entwicklungsmöglichkeiten das unglaubliche Repertoire menschlicher Fähigkeiten in der Auseinandersetzung mit der Behinderung. Gesellschaftliches Ausgrenzungsdenken ist ebenso Bestandteil ihrer fundierten Ausführungen wie das Bewusstsein um die nicht aufzulösende Polarität zwischen Behinderung und Normalität.

Sie befasst sich intensiv mit den möglichen Entwicklungsvariablen in psychologischer, physischer und geistiger Sicht. Es gilt daher Entwicklung als innere Kraftquelle und Behinderung als menschliche Herausforderung zu betrachten. Dies geht weit über eine Krisenverarbeitung und Behinderungsbewältigung hinaus.

Frau Glofke-Schulz zeigt auf, wie es möglich ist, alle Kräfte in sich wahrzunehmen und zu fördern, nicht zuletzt, um der eigenen Identität unter der behinderungsbedingten, nicht auflösbaren Widersprüchlichkeit näher zu kommen. Behinderung ist kein zentrales Merkmal der Person, sondern Sinnfindung und Identitätsentwicklung. Respekt und Anerkennung anstelle von Mitleid und Fürsorge auf einer gemeinsamen Basis des Menschseins sind tragende Gedanken des Buches. Wohl wissend, dass einerseits positive Bemühungen um Sinngebung, Gleichberechtigung und barrierefreie Teilhabe bestehen, andererseits Sozialabbau, pränatale Diagnostik, eugenisches Gedankengut, Kosten-Nutzen-Berechnungen und vieles mehr die Situation behinderter Menschen erschweren.

Frau Glofke-Schulz befasst sich auch mit den symbolischen Deutungen und menschlichen Bedürfnissen im Zusammenhang mit Licht und Dunkelheit, Blindheit und Sichtigkeit ebenso wie mit Menschenwürde und Menschenbild in unserer Gesellschaft. Mit großer Behutsamkeit und Sorgfalt hat sie ein hervorragendes Buch geschaffen, das dennoch nicht die ambivalente Haltung gegenüber behinderten Menschen aufheben kann. Empfehlenswert ist das Buch für jeden Leser, der offen ist für anthropologische Fragestellungen, besonders angesprochen sind blinde und sehbehinderte Menschen, die sich auseinander setzen mit ihrer Behinderung.

Das Buch mit einer Daisy-CD kann ab 1. Oktober 2007 beim DVBS Frau Stolz, Telefon (0 64 21) 9 48 88 17 bestellt werden.

Im Buchhandel: ISBN 978-3-89806-735-5 Psychosozial-Verlag, Gießen 2007

Retina aktuell 3/2007


1.2 Ingrid und Fritz Wandel


Dies ist ein Buch über eine schwere körperliche Behinderung, über Blindheit in verschiedenen Stadien und Ausprägungen. Die Verfasserin ist Transaktionsanalytikerin und Psychotherapeutin in freier Praxis durch Retinitis Pigmentosa selbst seit einigen Jahren erblindet. Sie kennt aus eigener Erfahrung, wovon sie schreibt - gelassen, humorvoll, aber auch kritisch und scharf, wenn es um die vielfältigen Formen der Diskriminierung von Behinderten geht. Es ist das Buch einer Betroffenen, jedoch wohltuend anders als die gängige Betroffenheitsliteratur, wissenschaftlich fundiert, mit einer Fülle von Informationen und relevantem theoretischem Wissen, beeindruckend auch durch die Bildung und kultivierte Belesenheit der Autorin.

Wer will, dann sich hier über Blindheit als spezielle Form der Behinderung in unserer Gesellschaft kundig machen, über typische soziale Reaktionen der Umwelt und über typische Bewältigungsversuche. Es ist aber auch ein Buch für die Selbsthilfe von Menschen, die von dieser Behinderung betroffen sind und die darauf entnehmen können, dass sie nicht allein sind und dass es Kräfte gibt, die helfen, in guter Weise mit der Behinderung zu leben. Es ist doch so, dass viele Klienten, die in unsere Praxis kommen, ganz unabhängig von ihrem subjektiven Leiden Hilfe für Probleme suchen, die hauptsächlich mit dem Leben in unserer Wohlstandsgesellschaft zu tun haben. Auf das Hereinbrechen der Wirklichkeit in Form von Tod, schwerer Krankheit, wirtschaftlichem Ruin oder eben Behinderung sind die Helfer üblicherweise nicht eingestellt. Da ist mit „Methoden“, wie sie in Ausbildungsgängen vermittelt werden, meist nicht viel getan, und das Buch kann hier Bewusstheit und Hilfe bieten.

All das sind mögliche Zugänge zu diesem Buch, was für den Reichtum der hier gebotenen Gedanken und Informationen spricht. Sich darauf zu beschränken, würde jedoch bedeuten, sich der Beunruhigung zu entziehen, die mit diesem Thema gegeben ist, und an der Chance vorbeizugehen, die das Buch dem Leser eröffnet. Es ist ein Buch über menschliches Leiden und über die Erblindung als eine der vielen Möglichkeiten der Conditio humana, der Situation des Menschen in dieser Welt, mit der wir am liebsten nichts zu tun haben möchten. Hier wegzuschauen und alle möglichen Ausflüchte zu suchen, von der Verleugnung bis hin zu esoterischen Theorien und subtilen Schuldzuweisungen ist „menschlich“. Es hindert uns aber auch, über diese reduzierten Formen der Menschlichkeit hinauszukommen. In diesem Sinne hat die Verfasserin nicht allein ein Buch über die „Selbstwerdung“ blinder und sehbehinderter Menschen geschrieben, sondern auch einen Anstoß für die persönliche Entwicklung ihrer Leser gegeben, soweit sie bereit sind, sich mit dieser bedrohlichen Möglichkeit menschlicher Existenz, der Behinderung und speziell der Blindheit auseinanderzusetzen.

Das Buch hat zwei Schwerpunkte: „Sehschädigung als Stigma“ und “Die Auseinandersetzung mit einer Behinderung als Prozess der Selbstwerdung - dargestellt am Beispiel Sehschädigung“.

Besonders der erste Schwerpunkt kann für den Leserbeunruhigend werden. Stigmatisierung, die Ausgrenzung eines anderen Menschen durch Zuschreiben eines schwerwiegenden Makels, ist ein fataler Mechanismus, dessen soziale Auswirkungen manchmal noch schwerer zu ertragen sind als z.B. die Behinderung selbst. Unter Verwendung von Goffmans Stigmabegriff stellt die Verfasserin die verschiedenen Formen offener und maskierter Ausgrenzung von Sehbehinderten dar, bei denen man sich als Leser leicht und mit Schrecken wiederfindet. Dazu gehören all die Fantasien und Verhaltensweisen, die Distanz schaffen und dem anderen eine grundlegende Andersartigkeit zuschreiben., Das Beunruhigend für den normalen „guten“ Menschen ist, dass zu diesen Mechanismen der Ausgrenzung auch „edle“ Regungen und Akte des Mitleids und der Hilfe gehören können, mit denen wir Behinderte in ihrer Rolle fixieren und uns die eigene moralische Vortrefflichkeit bestätigen., Offensichtlich handelt es sich um einen elementaren Mechanismus, denn auch Stigmatisierte stigmatisieren andere (S. 81), wenn sich dafür Gelegenheit bietet.

Die Verfasserin beschäftigt sich ausführlich mit den Gründen dafür. Einerseits scheint es sich um eine „anthropologische Grundkonstante“ (S. 94) zu handeln. Andererseits scheint unsere Gesellschaft mit ihrem narzisstischen Drang zur Vollkommenheit und ihrer

Ablehnung kreatürlicher Beschränkung („Der Gotteskomplex als kollektives narzisstisches Dilemma“ (S. 97 ff.) besonders anfällig dafür zu sein. In jedem Fall handelt es sich um eine universale Reaktionstendenz der sogenannten „Normalen“ und derer, die dazugehören wollen, gegenüber allem Abweichenden, denen Menschlichkeit immer wieder als individuelle Persönlichkeitsleistung abgerungen werden muss. Selbst Begriffe wie „Menschenwürde“ können fraglich werden, wenn sie unreflektiert mit Leistungsfähigkeit und gesellschaftlicher Nützlichkeit gekoppelt werden (S. 110ff.). Es ist das große Verdienst allein des ersten Schwerpunktes dieses Buches, dass es immer wieder auf die Abwertung und Diskriminierung von Behinderten aufmerksam macht, die sich so leicht und unbemerkt ins Denken einschleichen. Der zweite Schwerpunkt des Buches beschäftigt sich mit vielfältigen Aspekten des Versuchs, mit der Behinderung durch Erblindung zu leben und gegebenenfalls sogar Frieden zu schließen. Wir können hier nicht im Einzelnen auf die Fülle des Materials eingehen. das die Verfasserin bespricht. Besonders wichtig finden wir in diesem Zusammenhang ihren Hinweis auf die Bedeutung innerer „Ressourcen“, zu denen der Zugang zum Unbewussten und zu Träumen gehört, sowie ihre kritische Haltung gegenüber einem häufig empfohlenen „positiven Denken“ (S. 230), das hauptsächlich der Verleugnung und dem Schutz der anderen dient. Überhaupt macht die Differenziertheit, mit der die Verfasserin zentrale Begriffe in ihrem thematischen Zusammenhang analysiert, die Lektüre des Buches zu einem intellektuellen Vergnügen. Was z.B. verbirgt sich hinter der gängigen Forderung nach „Integration“ von Behinderten? Vielfach handelt es sich um eine positive Bezeichnung für Konformität und Anpassung (S. 123), die zudem mit den Mitteln der Behinderten nur bedingt erreichbar ist. Erfreulich ist auch die Unbefangenheit, mit der die Verfasserin die zusätzliche Diskriminierung behinderter Frauen durch die traditionelle Geschlechtsrollenklischees feststellt, ohne den kritischen Blick für Tendenzen der Frauenbewegung zu verlieren, sich von behinderten Frauen abzugrenzen (S. 158). Die Lesbenbewegung scheint hier allerdings eine Ausnahme zu machen.

Das Buch sollte Pflichtlektüre sein in allen Einrichtungen und für alle, die mit Behinderten und speziell mit Sehbehinderten arbeiten. Wichtig sind hier besonderes ihre „Gedanken zu Beratung und Psychotherapie“ und ihre „Anregungen für Ärzte“ (S. 331ff.9: Als Transaktionsanalytikerin hat die Verfasserin mit ihrem Werk zudem eine Monografie zu einem unserer zentralen Werte, der Autonomie, auch gerade unter erschwerten Bedingungen, geschrieben. Wir stimmen ihr zu, wenn sie abschließend feststellt:; „Die Gesellschaft braucht uns Behinderte ebenso, wie wir die Gesellschaft brauchen“ (S. 359). Eine Selbstverständlichkeit ist das aber nicht. Vieles deutet darauf hin - und die Verfasserin weiß es -, dass die Tendenz eher in die „entgegengesetzte Richtung“ (S. 358) geht, zur Förderung eines genetisch perfektionierten und optimal funktionierenden Menschen und zur immer stärkeren Ausgrenzung von allen, die diesem inhumanen Ideal nicht entsprechen. So gesehen hat ihr Buch auch eine wichtige ethische und politische Bedeutung.

Zeitschrift für Transaktionsanalyse 1/2008


1.3 Tag des weißen Stockes


Blindheit als Chance

Auf das Schicksal von blinden Menschen macht der bundesweite „Tag des weißen Stockes“ am Montag aufmerksam. Wie Sehbehinderte ihren Alltag „zwischen Stigmatisierung und Selbstwerdung“ bewältigen, schildert die Rosenheimer Autorin Eva-Maria Glofke-Schulz in ihrem neuen Buch - aus der Perspektive als Psychotherapeutin und Blinde.

Rosenheim - Die Diagnose prägte schon die Kindheit von Eva-Maria Glofke-Schulz. Mit vier Jahren erkrankte sie an einer nicht heilbaren, fortschreitenden Netzhautdegeneration. Obwohl die Krankheit erst im Alter von Mitte 20 dazu führte, dass sie nicht mehr lesen konnte, stand die Jugendzeit unter diesem Damoklesschwert. Reicht die Sehschärfe für den Besuch der Regelschule, für das Studium? Fragen, die in den 60er- und 70er-Jahren, als Integration behinderter Menschen noch ein Fremdwort war, ihren Alltag prägten. Berufswunsch Musikerin? Sie gab ihn auf.

Schneller, besser, disziplinierter sein zu müssen als Sehende, um es genauso weit zu schaffen: Dieser Druck lastet nach Erfahrungen von Eva-Maria Glofke-Schulz auf vielen Betroffenen. Die 49-Jährige hat ihren Alltag im Griff, lebt mit Ehemann und Führhund in Rosenheim. Sie führt eine psychotherapeutische Praxis im eigenen Haus, in dem sie sich sicher bewegt. Sie schreibt Fachbücher, reitet, singt im Musikverein. „Ich führe ein ausgefülltes Leben. Es gibt Tage, da vergesse ich völlig, dass ich blind bin. Doch ich habe schon viel kämpfen müssen“, bringt Eva-Maria Glofke-Schulz den Zwiespalt auf den Punkt. Trotz der Hilfe durch moderne Technik gibt es nach Erfahrungen der Autorin „viele kleine Lästigkeiten“: Fahren im Bus oder Zug, einkaufen im Discounter, eine Ampel ohne akustisches Signal überqueren: alles unmöglich. Am Automaten Geld abheben: ohne Sprachchip geht es nicht. Noch anstrengender zu überwinden sind die Barrieren in den Köpfen: Falsch verstandenes Mitleid, Bevormundung, Diskriminierung.
Verhaltensmuster, die nach Erfahrungen von Eva-Maria Glofke-Schulz auf einem „Defizitdenken“ basieren. Die Sehbehinderung werde als Krankheit empfunden. „Die Blindheit hat mein Leben jedoch nicht ärmer, sondern anders gemacht“, betont die Rosenheimerin: „Ich fühle mich nicht hilflos.“ Dass eine Behinderung auch stark machen kann, vermittelt sie als ehrenamtliche Beraterin für Selbsthilfegruppen - und in ihrem neuesten Buch „Löwin im Dschungel“. Es setzt sich mit der Frage auseinander, wie eine Behinderung seelisch verarbeitet werden kann. Die Sehbehinderung wird als Krise begriffen - und als Chance, einen das Leben bereichernden Lernprozess in Gang zu setzen. Sehbehinderte können nach Überzeugung von Eva-Maria Glofke-Schulz dabei viele positive Beispiele geben. Das Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten ist für sie deshalb ein wechselseitiger Lernprozess.

Schwächen anerkennen und mit ihnen leben: Sehbehinderte und Blinde setzen hier ein Zeichen - unter anderem für die Abkehr von einem Leben auf der Überholspur. „Wir brauchen mehr Zeit für alles, müssen uns viel mehr konzentrieren, um die Selbstverständlichkeiten des Alltags zu erledigen. Diese Reduktion des Tempos täte sicherlich auch vielen anderen Menschen gut“, findet Eva-Maria Glofke-Schulz. Doch auch vielen Sehbehinderten und Blinden fällt es nach ihren Erfahrungen schwer, sich diese Ruhe zuzugestehen. Der Drang, das Leben trotz Behinderung perfekt zu meistern, führen nicht selten zur totalen Erschöpfung.
In ihrer Praxis finden Betroffene bei körperlichen und seelischen Problemen Gehör und Hilfe. Zu Eva-Maria Glofke-Schulz kommen jedoch auch viele Nichtbehinderte mit psychischen Problemen, die auf anderen Ursachen basieren: “Meine Patienten vergessen schnell, dass ich nicht sehen kann.“ Wie es einem Patienten geht, entnimmt sie nicht aus der Mimik des Gegenübers, sondern aus der Stimmlage. „Mir entgeht nichts“, stellt sie fest - was wohl auch für das private Leben der blinden Psychotherapeutin gilt.

Das neue Buch „Löwin im Dschungel“ von Eva-Maria Glofke-Schulz ist im Psychosozial-Verlag Gießen erschienen. ISBN: 978-3-89806-735-5. Eine Audioversion für Blinde kann man beim Deutschen Verein Blinder und Sehbehinderter in Studium und Beruf, Textservice, Frauenbergstraße 8, 35039 Marburg, Telefon 06421/94888-24 bestellen.

Der Artikel ist erschienen im Oberbayerischen Volksblatt Rosenheim, Sa./So., 13./14. Oktober 2007.



2. "Die zerbrochene Kugel - Leben mit degenerativer Netzhauterkrankung"

Von Eva-Maria Glofke-Schulz / Wolfgang P. Rehmert (Hrsg.)

Ingrid und Fritz Wandel


Dieses Buch ist von einer Transaktionsanalytikerin mit herausgegeben, ansonsten jedoch ungewöhnlich im TA-Zusammenhang. Sein Thema ist eine fortschreitende Augenerkrankung, Retinitis pigmentosa, die im Erwachsenenalter zur Erblindung führt. Die Krankheit ist keineswegs selten. Es sind allein in Deutschland viele Tausende von Menschen, die irgendwann einmal mit dieser schockierenden Diagnose konfrontiert wurden: „Sie leiden an Retinitis pigmentosa, einer fortschreitenden Degeneration der Netzhaut Ihrer Augen. Sie werden eines Tages erblinden. Es gibt keine Therapie, keine Heilung“ (S. 7). Das Buch handelt also von Menschen, konfrontiert mit einer Krankheit, der gegenüber die Mittel der Medizin machtlos sind und die unaufhaltbar zu einer schweren Behinderung führt. Es handelt aber auch von den Mitmenschen der unmittelbar Betroffenen, ihren Verwandten und den zahllosen Helfern und Therapeuten, die doch nicht helfen können, sofern die Krankheit letztendlich doch nicht aufzuhalten ist. Das heißt nicht, dass sie nichts tun können, was den Erkrankten hilfreich ist, und auch davon handelt das Buch.

Es ist ein ungewöhnliches Buch, weil es von Autoren geschrieben ist, die in unterschiedlicher Weise selbst von dieser schweren Behinderung betroffen sind. Entweder sind sie selbst erkrankt, nahe Angehörige oder Therapeuten. Wenn es hier in der Zeitschrift für Transaktionsanalyse vorgestellt wird, so deswegen, weil es der Erweiterung der fachlichen und menschlichen Bildung von Therapeuten/innen dient, der Information und der Orientierung im Umgang mit schwerer, erblicher und nicht aufzuhaltender Krankheit und Behinderung. Das Buch enthält neben dem Geleitwort von Rainald von Gizycki, dem Vorsitzenden der „Pro Retina e.V. Deutschland“, und der Einleitung von Eva-Maria Glofke-Schulz 13 Beiträge von 8 Autoren, von denen wir einige herausgreifen.

Im ersten Kapitel „Das Licht am Ende des Tunnels. Erblindung durch Netzhautdegenerationen; Symptome, Vererbung, Forschung“ von Helma Gusseck erhält der/die Leser/in grundlegende Informationen über Verlauf, Diagnose und Erblichkeit der Krankheit und auch über ihre Differentialdiagnose in Abgrenzung zu anderen ähnlichen

Erkrankungen. Im zweiten Kapitel befasst sich Eva-Maria Glofke-Schulz mit der „Seelischen Entwicklung““ eines Kindes mit Retinitis pigmentosa. Es geht hier um die vielfältigern, vor allem die psychosozialen Probleme beim Erwachsenwerden in der Gefahr einer schweren fortschreitenden Krankheit. Die Darstellung ist besonders eindrücklich dadurch, dass die Verfasserin auch ihre eigene Entwicklung und ihr Leben mit der Krankheit im Spannungsfeld zwischen Überbehütung einerseits und dem Wunsch nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit andererseits beschreibt.

Im dritten Kapitel beschäftigt sich Wolfgang Rehmert mit der Situation der Eltern von Kindern mit Retinitis pigmentosa. Die Eltern haben nicht nur mit den realen Auswirkungen der sich entwickelnden Behinderung ihrer Kinder fertig zu werden, sondern auch mit Schuldgefühlen, da es sich bei dieser Krankheit ja um eine Erbkrankheit handelt. Es ist dies in verschärfter Form eine Grundproblematik aller Eltern, die mit Schwierigkeiten und Behinderungen ihrer Kinder konfrontiert sind und sich als die „Erzeuger“ auch für deren schicksalhafte Beeinträchtigungen verantwortlich machen. Das Buch bietet auch hier Erleichterung und Entlastung durch Information und damit die Möglichkeit, sich mit diesen Fragen der Schuld bewusst auseinander zu setzen. In weiteren Kapiteln werden andere wichtige Aspekte des Problems behandelt, z.B. das Problem der Erblindung im höheren Lebensalter (Mathias Schäfer). Es wird nicht nur einfühlbar und nachvollziehbar gemacht, was in Menschen mit schwerer chronischer Krankheit vorgeht, es werden auch „Irrwege“ (S. 101) im Umgang mit der Krankheit aufgezeigt, etwa das Abgleiten von Abhängigkeit und Sucht (Hans Dieter Fuchs: Den Absprung noch früh genug geschafft!? Eine Sucht-Erfahrung, S. 101ff.). Beeindruckend ist auch der Erfahrungsbericht von Kurt Schulz über „Retinitis und Partnerschaft“, in dem er vom Leben mit seiner von Retinitis pigmentosa betroffenen Frau berichtet.

Bemerkenswert ist die Breite und Vielfalt der in diesem Buch behandelten Themen: Es enthält Kapitel über Beratung und Psychotherapie von Sehbehinderten, „Hilfe in der Selbsthilfegruppe?“ (Norbert Lübke, S. 175ff.) und auch ein abschließendes Kapitel über die „Telefonberatung der Pro Retina e.V. Deutschland“ (S. 206ff.).

Alles in allem ein informatives und zugleich durch die Darstellung von Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit der Krankheit anrührendes Buch, nüchtern und unsentimental, keine „Betroffenheitsliteratur“, jedoch ein Buch von Betroffenen für Betroffene und deren Helfer, ein Buch vom „guten Helfen“ auch und gerade dann, wenn scheinbar nichts mehr zu „retten“ ist, nicht mehr alles „wieder gut“ wird, wie es der wohlmeinende Optimismus professioneller und nicht professioneller Helfer so oft will. Das Buch vermittelt etwas von der Bewusstheit und Stärke, die im Umgang mit Situationen nötig ist, die keinen Ausweg bieten.

Wir empfehlen, es zu lesen und sich mit ihm auseinander zu setzen. Es lohnt sich.

Zeitschrift für Transaktionsanalyse Heft 1-2, Jahrgang 2000



3. Wie es in den Wald hineinruft...

Gedanken zur Kommunikation zwischen Sehgeschädigten und Sehenden
von Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz

Als soziale Wesen sind wir auf einen möglichst gelingenden Umgang miteinander angewiesen - nicht nur im Dienste des Überlebens und der Bewältigung unserer Alltagsaufgaben, sondern auch und in besonderem Maße unseres körperlichen und seelischen Wohlbefindens, der Entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten und unserer Identität. In Abwandlung des Grundsatzes von René Descartes („Ich denke, also bin ich“) könnten wir sagen: „Ich kommuniziere, also bin ich.“

Wer nun angesichts dieser fundamentalen Bedeutung zwischenmenschlicher Kommunikation glaubt, in vielen tausenden Jahren Evolution habe die Menschheit so viel Übung erworben, dass nichts schief gehen könnte, irrt sich allerdings gewaltig. Bei Loriot hören wir: „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“, und mitunter könnte man versucht sein, diesen Satz auf Menschen überhaupt zu verallgemeinern. Warum sonst finden wir in den Buchhandlungen ganze Regale voller einschlägiger Ratgeberliteratur, warum sonst boomen Kommunikationstrainings und therapeutische Angebote jeder Art? Warum sonst steigt von Jahr zu Jahr der Prozentsatz von Single-Haushalten? Kommen sprachliche, kulturelle, bildungsabhängige Barrieren oder gesundheitliche Einschränkungen hinzu, wird es noch komplizierter. Als blinde oder sehbehinderte Menschen erleben wir den Umgang mit Sehenden oft als schwierig und störanfällig, fühlen uns immer wieder verunsichert, manchmal vielleicht sogar regelrecht gehemmt und verkrampft. Im Extremfall kann sozialer Rückzug die Folge sein.
Im folgenden gehe ich aus meiner Sicht als blinder Frau und Psychotherapeutin auf die Kommunikation zwischen Sehgeschädigten und Sehenden ein. Ich will Schwierigkeiten benennen, aber auch Denkanstöße geben, die Mut machen und bei der Suche nach Lösungen behilflich sein sollen.

Schwierigkeiten haben viele Ursachen

Verunsicherungen, Irritationen oder im Extremfall das Scheitern von Interaktionsprozessen und zwischenmenschlichen Beziehungen können sich aus verschiedensten Quellen speisen. In meiner beratenden und psychotherapeutischen Arbeit mit Sehgeschädigten habe ich im Laufe der Jahre den Eindruck gewonnen, dass wir manchmal in Gefahr sind, Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen auch dann mit unserer Behinderung in Verbindung zu bringen, wenn sie bei ehrlicher Betrachtung damit wenig zu tun haben: Vielleicht sind wir ja aus ganz anderen Gründen schüchtern, selbstunsicher, genervt, initiativelos, distanziert oder was auch immer. Vielleicht haben schlechte Erfahrungen uns gelehrt, uns vor Nähe zu fürchten, uns arrogant, zurückhaltend, misstrauisch oder zu forsch zu verhalten. Wir mögen versäumt haben, gewisse Aspekte sozialer Kompetenz zu erwerben. Mancher mag sich so sehr in virtuellen Welten (Internet etc.)bewegen, dass er - einem gesellschaftlichen Trend folgend - zu Vereinzelung und Rückzug aus realen Kontakten neigt. Wer seine Überweisungen per Homebanking erledigt (was fraglos praktisch ist), verzichtet eben auf das Schwätzchen mit der Sparkassenangestellten. Wer seine Bücher im Internet kauft, beraubt sich nun einmal der Gelegenheit, mit seinem Buchhändler über interessante Neuerscheinungen zu plaudern oder die Ergebnisse der letzten Stadtratswahl zu diskutieren.
In diesem Sinne mag eine ehrliche Ursachensuche unbequem, vielleicht sogar ängstigend sein. Doch schützt sie uns davor, am falschen Punkt anzusetzen und unnötig mit unserer Behinderung zu hadern. Sie mag uns Wege zu völlig anderen, konstruktiven Lösungsansätzen eröffnen, so dass sich die Mühe lohnen dürfte. Im übrigen werden wir merken, dass auch der andere seine liebe Not mit dem Kontakt haben kann und wir nicht immer das Problem bei uns selbst suchen müssen.

Unmittelbare Auswirkungen der Sehschädigung

Natürlich bleibt der völlige oder teilweise Verlust des Sehvermögens nicht ohne Wirkung auf unsere Möglichkeiten, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen und zu gestalten. Wir müssen ein gerüttelt Maß an Geschicklichkeit und Kompetenz entwickeln, das Fehlende auszugleichen, unsere Wahrnehmung zu schärfen, uns zu artikulieren und unseren Kontaktpartnern zu verdeutlichen, was wir von ihnen brauchen (s. Katemann in diesem Heft) .
Sehende sind gewohnt, sich bei ihrer sozialen Wahrnehmung in erster Linie auf ihre optischen Eindrücke zu verlassen (was allerdings äußerst trügerisch sein kann). Vor allem beim Kennen lernen und bei der Kontaktaufnahme spielt das Sehen eine große Rolle und ist nicht leicht zu ersetzen: Wie etwa suche ich mir in der Disco jemanden heraus, den ich gern ansprechen würde? Wie bekomme ich mit, wenn jemand zu mir Kontakt sucht (mir einen Blick zuwirft, mir zuzwinkert, mich anlächelt etc.)? Wie finde ich auf einer größeren Party denjenigen, mit dem ich gern sprechen würde? Wie erfasse ich, ob er gerade mit etwas anderem beschäftigt ist? Wie kann ich seine momentane Befindlichkeit einschätzen? Wie kann ich sicher sein, dass ich seine Äußerungen richtig einschätze?

Was Sehenden (zu Recht oder Unrecht) meist selbstverständlich erscheint, kann für uns schwierig sein. Missverständnisse oder Fehlinterpretationen von Situationen sind nicht immer zu vermeiden. So geschah es mir selbst neulich, dass ich bei einem Rundfunkinterview die freundliche Begrüßung meines Interviewers fälschlicherweise auf mich bezog und mit einem herzlichen „Grüß Gott“ antwortete. Bei ihm löste das Heiterkeit und den spontanen Ausruf aus: „Das geht ja gut los.“ Was ich wohl fehlgedeutet hatte, war, dass er im Rahmen seiner Anmoderation nicht mich, sondern die Hörerschaft gemeint hatte - hätte ich gesehen, wohin er schaute, wäre das vermutlich nicht passiert. Mir war mein Fauxpas etwas peinlich, doch zum Glück konnten wir von Herzen darüber lachen und entspannt mit meinem Irrtum umgehen.
Eventuelle Missbildungen der Augen sowie manchmal eine gewisse Verarmung von Mimik und Gestik können sehende Gesprächspartner ebenso irritieren wie behinderungsspezifische Verhaltensbesonderheiten, die sich bei einem Teil der Betroffenen herausbilden und als „Blindismen“ bezeichnet werden. Inwieweit blinde Menschen sich bemühen sollten, solche Verhaltensweisen abzubauen, wird kontrovers diskutiert (s. Seuss in diesem Heft). Eine gewisse Selbstdisziplin erscheint mir notwendig und im Kontakt hilfreich. So ist es mir persönlich z.B. wichtig, meinen Gesprächspartner „anzuschauen“, mich ihm also durch Kopfhaltung und Blickrichtung zuzuwenden, statt einfach irgendwohin zu „schauen“. Ich bekomme oft die Rückmeldung, dass dieses Verhalten als ausgesprochen angenehm empfunden wird.

Sehschädigung als Stigma

Behinderung ist eine soziale Konstruktion, entsteht also nicht allein aus unserer organischen Schädigung, sondern auch aus deren Benennung und Bewertung durch andere Menschen (sog. sekundäre Schädigungsfolgen).
Zum Glück geht nicht alles schief, und je mehr in unserer Gesellschaft Inklusion zur gelebten Selbstverständlichkeit wird (wofür noch viel zu tun ist),desto eher dürfte der Umgang zwischen Sehenden und Sehgeschädigten gelingen. Doch können nach wie vor unzureichendes Wissen, stereotype Vorstellungen, Vorurteile und unbewusste Konnotationen Sehender einen gelingenden Kontakt weit mehr erschweren als die Sehbehinderung oder Blindheit selbst. An anderer Stelle habe ich Stigmatisierungsprozesse, ihre Folgen und Möglichkeiten der Bewältigung eingehend untersucht (Glofke-Schulz 2007), so dass ich hier auf eine ausführlichere Darstellung verzichten kann. Außerdem bin ich mir sicher, dass jede(r) unter uns über eine Vielzahl einschlägiger Erfahrungen verfügt: Immer wieder sind wir konfrontiert mit Unbehagen und Befangenheit, Mitleid, übertriebener Bewunderung, der Zuschreibung von Andersartigkeit (verschiedenste Eigenschaften werden uns angedichtet) oder dem Bedürfnis nach sozialer Distanz einerseits, Übergriffigkeit und Neugier andererseits. Nicht selten fühlen wir uns auf unsere Behinderung reduziert, die dann zum zentralen und vermeintlich wichtigsten Merkmal unserer Person wird (da bin ich eben „die Blinde“ weit mehr als eine Frau, Sportlerin, Musikerin o.ä.). Da möchte ich mich längst über ein anderes Thema unterhalten und kann meinen Gesprächspartner nur schwer davon abbringen, mich weiter über mein Handicap auszufragen. Da muss ich erleben, wie nicht mit mir, sondern über mich gesprochen wird („Was möchte Ihre Frau trinken?“). Da werden Dinge im Zusammenhang mit der Behinderung interpretiert, die mit ihr nichts zu tun haben (wenn etwa beruflicher Erfolg als „Überkompensation“ der Behinderung gedeutet wird). Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen.
Der Ehrlichkeit halber müssen wir uns allerdings eingestehen, dass auch wir selbst keine besseren Menschen und nicht frei von Voreingenommenheiten sind - und sei es nur die unüberprüfte Überzeugung, unser Gesprächspartner werde uns sicherlich mit Vorurteilen begegnen (was so sein kann, aber nicht sein muss).

Normalität wagen

Angesichts dieser Situation benötigen wir eine Menge Selbstvertrauen, Intelligenz, Kreativität und Humor, um Berührungsängsten zu begegnen und befriedigende Beziehungen aufzubauen. Nicht ganz zu Unrecht mag der Eindruc k entstanden sein, wieder einmal müssten wir - wie in anderen Lebensbereichen auch - mehr leisten als unsere nicht behinderten Mitmenschen. Ein solcher Mehraufwand kostet Kraft, und so wählen manche den Weg des Rückzugs (zumindest aus der Welt der Sehenden). Stigmatisierungserfahrungen können sich zudem negativ auf das Selbstwert- und Identitätserleben auswirken.
Andererseits scheinen sich manche von uns einigermaßen selbstverständlich und ohne allzu große Mühe in ihrem sozialen Umfeld zu bewegen, fühlen sich integriert und geliebt. Somit stellt sich die Frage nach Perspektiven und Gestaltungsspielräumen. Jenseits konkreter Verhaltensstrategien (derer wir zweifellos bedürfen) möchte ich hier auf die Frage des Selbstverständnisses und der eigenen inneren Haltung eingehen. Damit will ich nicht zur längst veralteten individuozentrischen Sicht zurückkehren, also die alleinige Verantwortung wieder einmal uns Behinderten zuschieben. Doch indem zwischenmenschliche Beziehung ein intersubjektives Geschehen ist, hat jedes der beteiligten Subjekte durch die transportierte innere Haltung in gewissem Maße Einfluss auf das Interaktionsgeschehen und den Interaktionspartner. Dies wissen wir spätestens, seit die Neurobiologie die sog. „Spiegelneuronen“ entdeckt hat: Ist bei mir eine bestimmte Hirnregion aktiv, wird die entsprechende Region auch im Gehirn meines Interaktionspartners aktiviert. Darin liegt unsere Chance.
In Abwandlung eines Satzes von Mahatma Gandhi ist meine These:

Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Beziehung sehen wollen. Das bedeutet: Je mehr wir innerlich mit uns selbst, unserer Behinderung oder anderen Aspekten unseres Lebens hadern, je weniger wir darauf vertrauen, für andere attraktiv und liebenswert zu sein, desto geringer werden die Aussichten auf eine erfüllende zwischenmenschliche Begegnung auf Augenhöhe. Je selbstverständlicher und sicherer wir uns umgekehrt unseres Wertes als Mensch und als Mann bzw. Frau gewiss sind, desto weniger Ängste und Zweifel tragen wir in den Kontakt hinein. Natürlich gibt es unverbesserliche Stigmatisierer, von denen wir uns nach Möglichkeit fernhalten werden, sofern wir nicht unsere Seele verkaufen und uns selbst um einiger (vermeintlicher) „Streicheleinheiten“ willen erniedrigen wollen. Doch auf die meisten Menschen werden unser Selbstvertrauen, unsere Selbstachtung und Offenheit positive Wirkung ausüben.
Im übrigen gehört aus meiner Sicht zu einem Leben in Würde und Selbstbestimmung auch die innere Freiheit, sich nicht unhinterfragt gängigen Geselligkeitsnormen anzupassen: Nicht jede(r) ist ein Partylöwe oder fühlt sich in größeren Menschenansammlungen wohl. Das muss auch nicht sein. Gerade Sehgeschädigte empfinden nach meiner Erfahrung Geselligkeiten in kleinerem Rahmen oft als angenehmer und entspannter. Außerdem mag sich im Laufe des Älterwerdens das Kontaktbedürfnis ändern, mögen Zeiten der Stille häufiger gesucht und als wohltuend erlebt werden. Dies ist kein resignativer Rückzug, der uns zu Außenseitern machen würde. Erlauben wir uns also, uns so anzunehmen, wie wir sind. Tragen wir in die Begegnung die Normalität hinein, die wir uns von unserem Interaktionspartner wünschen - Wunder werden wir damit zwar nicht bewirken, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit Türen öffnen und den Umgang miteinander wesentlich erleichtern.

Weiterführende Literatur:

Glofke-Schulz, Eva-M.: Löwin im Dschungel. Blinde und sehbehinderte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung (Psychosozial-Verlag, Gießen 2007, als Hörbuch beim DVBS erhältlich)

(zuerst veröffentlicht in: Horus. Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter, 3, 2010, S. 119-122. Wir danken für die freundliche Abdruckgenehmigung.)