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Psychotherapie
Glofke-Schulz

Reitsport mit Handicap



1. "Rumhocken - das geht nicht!"

Wer als Blinder das Reiten lernen will, kämpft nicht nur gegen sein Handicap an, sondern vor allem gegen Vorurteile. Die Rosenheimerin Eva-Maria Glofke-Schulz hat auch dieses Problem gelöst.

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Ein Artikel von Volker Camehn.
Erschienen in BAYERNS PFERDE 2/2011.
Internet:
www.bayernspferde.de

2. Reiten mit blindem Vertrauen

Was unterscheidet ein Pferd von einem Fahrrad? Das Pferd hat Augen, das Fahrrad nicht. Das wäre schon mal ein Argument, um sich auch blind oder sehbehindert auf den Rücken eines Vierbeiners zu wagen. Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz, seit einigen Jahren begeisterte Reiterin, kennt noch viele weitere gute Gründe. Wer ihren Beitrag liest, geht allerdings das Risiko ein, sich mit dem unheilbaren Pferdevirus zu infizieren.

Reitsport mit Handicap

Kindheitsträume kommen nicht von ungefähr. Wenn sie hartnäckig sind wie Kletten, einen über Jahre und Jahrzehnte begleiten, sollte man vielleicht doch versuchen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Bei mir war das Reiten so ein heimlich gehegter Traum. Schon immer vermutete ich das Glück dieser Erde auf dem Rücken von Pferden. Und genau dort habe ich es vor inzwischen zehn Jahren gefunden. Infolge einer seit Geburt bestehenden Retinitis pigmentosa bin ich seit langem erblindet. Eine ebenfalls angeborene Bänderschwäche und Muskelaufbaustörung führt seit vielen Jahren zu Problemen des Bewegungsapparats. Die zum bestmöglichen Erhalt meiner Muskulatur nötige sportliche Betätigung war mir oft ein Gräuel, bis ich mich mit 42 Jahren endlich über alle ärztlichen Verbote und sonstigen Unkenrufe hinwegsetzte und beschloss, das Notwendige mit dem hoffentlich Angenehmen zu verbinden.
Mein erster Anlauf war nicht gerade ermutigend: Der damalige Reitlehrer des örtlichen Reit- und Fahrvereins taxierte mich und meinen Führhund von oben bis unten und wich einen Schritt zurück, als er klarstellte: „Reittherapie machen wir hier nicht. Und überhaupt, das wäre viel zu gefährlich!“ Mit dem Kommentar, von Reittherapie habe ja auch niemand gesprochen, verließ ich hoch erhobenen Hauptes, innerlich dennoch etwas geknickt die Reitanlage.

Der Startschuss fiel dann während eines Urlaubs in Mecklenburg. Ungeachtet der vorangegangenen Enttäuschung enterte ich das renommierte Gestüt in Schwinkendorf. Dort schaute man mich zwar zunächst auch an wie ein Ufo, ließ sich aber auf das Experiment ein. Rasch löste sich die erste Befangenheit, wurde Platz für lockere Sprüche. So kommentierte der unschwer als Berliner zu erkennende Reitlehrer meine ersten ungeschickten Versuche, den Sattelgurt festzuziehen, mit der Warnung: „Nu kippen Se mir doch det Pferd nich um!“ „Det Pferd“ hatte übrigens ein Stockmaß von zarten 184 Zentimetern ...
Wieder zu Hause, ging es zunächst auf einem Ponyhof weiter (Kommentar der Stallinhaberin: „Kein Problem! Meine Tochter ist geistig behindert und im Rollstuhl, die reitet auch!“). Die etwas pummeligen, gemütlichen Ponys mögen vielleicht nicht zum Erlernen der hohen Reitkunst geeignet sein, doch halfen sie mir ungemein, Ängste abzubauen und Vertrauen zu entwickeln. Hatte mein Mann bis dahin überwiegend gefrotzelt („du mit deinen verspäteten Kleinmädchenträumen ...“), gelang es mir in dieser Zeit, ihn mit dem bekanntlich höchst ansteckenden und unheilbaren Pferdevirus zu infizieren. Inzwischen ist er ein mindestens ebenso begeisterter Reiter wie ich. So erschließen sich uns viele neue gemeinsame Freizeitaktivitäten: Dressurstunden, flotte Aus- und Wanderritte, Reiterferien.
Mit zunehmender Sicherheit wuchs auch der Ehrgeiz. Daher wechselten wir vor einigen Jahren an einen Stall mit höheren sportlichen Ambitionen. Die dortige Reitlehrerin Gabriele Wüchner begegnete mir von Anfang an unverkrampft und ohne Vorurteile („Ich hab noch nie Blinde unterrichtet, probieren wir’s halt!“). Nun, das taten wir, und noch heute sind wir ein gutes Team. Gabi, eine Seele von Mensch mit manchmal etwas rauer Schale, scheucht mich genauso energisch herum wie alle anderen, und meine diversen Prüfungs- und Turnierabenteuer sind ihr schlaflose Nächte wert. Um einen lockeren Spruch oder eine freche Bemerkung (auch über meine Blindheit) ist sie selten verlegen, doch vergisst sie nie, auf meine Sicherheit zu achten. Am Hof und im Verein, dem RSC Rosenheim, fühle ich mich als gleichwertige Reitkameradin gut integriert. Vor gut fünf Jahren vergrößerte sich unsere Familie um Fuchswallach Jolly Jumper, ein manchmal etwas stures (Beiname: „Büffel“), aber unglaublich liebes und gelassenes Verlasspferd, mit dem ich durch dick und dünn gehen kann. Mit ihm habe ich inzwischen den Reiterpass (Geländeprüfung), das kleine und große Reitabzeichen (Dressur) und einige mal mehr, mal weniger erfolgreiche Turnierabenteuer bestanden.

Praktisches aus dem Reiteralltag

Das Drumherum:
Natürlich bekommt in unserem Verein niemand das geputzte und gesattelte Pferd unter das Gesäß geschoben. Außer dass ich Jolly nicht selbst von der Koppel holen kann, bewältige ich die meisten Arbeiten rund ums Pferd selbstständig. Da ich in der Regel keine Hand frei habe, kann ich auf dem Hof nicht mit Langstock oder Führhund gehen, bin also allein auf die akustische Orientierung angewiesen. Mein „Navi“ ist das Radio, das meist in einer der Stallgassen dudelt. Von dort aus erreiche ich sternförmig meine Ziele, etwa die Sattelkammer, den Abspritzplatz oder das Hallentor. Natürlich muss ich langsam gehen, denn zu einem Hof gehören nun mal Schubkarre, Mistgabel und Traktor, die nicht immer an derselben Stelle stehen. Geht einmal etwas schief, ist fast immer ein hilfsbereiter Mensch in der Nähe.

Dressurreiten:
In der 20 mal 40 Meter großen Reithalle kann ich mich gut allein orientieren. Die Abmessungen bekommt man mit der Zeit ins Gefühl, außerdem helfen Luftzug, Geräusche vom Hallentor und Ähnliches. Wenn ich außerhalb der Unterrichtsstunden allein mit Jolly übe, suche ich mir nicht gerade die Zeiten aus, in denen am meisten Betrieb ist. Sind dennoch andere Reiter in der Halle, kündige ich laut jede Bahnfigur an, die ich reiten will, damit die anderen sich darauf einstellen können. Im Zweifelsfall gilt: „Eva hat immer Vorfahrt.“ Fast jeder nimmt gern Rücksicht, und so ist es in all den Jahren noch nie zu Unfällen gekommen.

Turniere:
Als Reiterin mit Handicap kann ich mich dem Wettbewerb sowohl auf Regelturnieren als auch im Behindertensport stellen. Und das probiere ich seit einiger Zeit in der Disziplin Dressurreiten aus. Seit 2006 ist der Behindertenreitsport national und international eine gleichwertige Disziplin neben allen anderen Wettkampfarten. Je nach Art und Schwere der Behinderung gibt es unterschiedliche Einstufungen („Grade“) mit spezifischen Dressuraufgaben. Unter Prüfungs- und Turnierbedingungen stehen mir so genannte „Caller“ (Rufer) zu, die mich zu den jeweiligen Paradepunkten lenken, damit ich die Bahnfiguren exakt ausreiten kann. Schwierig finde ich das auf dem Außenreitplatz, wo die Geräuschkulisse ungewohnt ist und oft der Wind die Zurufe um mehrere Meter verzieht.

Gelände:
Besonders bereichernd (natürlich auch für Führhund Toffee) sind flotte Ausritte im Gelände. Hierzu ist es wichtig, ein gelassenes, wenig schreckhaftes Pferd mit klarem Kopf und gutem Charakter zu haben – Jolly ist in dieser Hinsicht eine wandelnde Lebensversicherung. Zur Kennzeichnung trage ich eine Blindenweste, wie sie auch beim Skilanglaufen üblich ist. Allerdings kann selbst diese nicht immer richtig gedeutet werden – so rief mir einmal jemand die Frage zu, ob ich wohl von der berittenen Polizei sei.
Praktischerweise unterscheidet sich ein Pferd von einem Fahrrad unter anderem dadurch, dass es Augen im Kopf hat und uns schon im eigenen Interesse nicht in den Abgrund stürzen wird. Mein Kopf oder meine Kniescheiben sind ihm allerdings ziemlich egal. Daher reiten Jolly und ich meist voraus, gefolgt von meinem Mann mit seinem Pferd. Von hinten kann er nämlich viel besser sehen, ob ich die Richtung korrigieren oder wegen eines hereinhängenden Astes den Kopf einziehen muss. So sind wir in allen drei Gangarten – vom gemächlichen Schritt bis zum gestreckten Galopp – sicher und mit viel Freude unterwegs. Natürlich kann selbst das braveste Tier einmal durchgehen – schließlich ist auch ein Pferd nur ein Mensch. Umsicht und Konzentration sind daher stets höchste Reiterpflicht.

Fazit

Trotz aller unbestreitbaren Gefahren ist Reiten ein idealer Sport für blinde und sehbehinderte Menschen, entsprechende Vor-, Rück- und Umsicht vorausgesetzt. Im Übrigen birgt auch das Herumsitzen auf dem Sofa Gefahren, wenngleich anderer Art. Aus meinem Leben ist jedenfalls das beglückende Zusammensein mit Jolly Jumper nicht mehr wegzudenken.

Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz (52) ist seit vielen Jahren in Folge einer Retinitis pigmentosa erblindet. Die Psychotherapeutin lebt mit Ehemann, Führhund und Pferd in Rosenheim.

"Reiten mit blindem Vertrauen" (Gegenwart. Magazin für blinde und sehbehinderte Menschen und ihre Freunde, 1, 2011, S.40-42)