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Psychotherapie
Glofke-Schulz

Was ist Supervision?


Auf die Frage, was Supervision sei, hat einmal jemand geantwortet: "Das ist doch klar: Der eine ist super und hat eine Vision." Frage ich nach dem wahren Kern dieses scherzhaften Wortspiels, komme ich zu folgendem Ergebnis:
Eine "Vision" kann ich als Supervisorin nicht in erster Linie des­halb haben, weil ich besonders "super" wäre. Natürlich muss ich gut ausgebil­det sein und über genügend Lebens- und Berufserfahrung ver­fügen. Das wichtigste Pfund, mit dem ich als Supervisorin wuchern kann, ist jedoch die ebenso einfache wie bedeutsame Tatsache, dass ich in das zu supervi­dierende Ge­sche­hen nicht vollständig involviert bin und es daher mit Hilfe dieser soge­nannten Metaperspektive ein wenig leichter habe, mir einen Überblick zu verschaf­fen und vielleicht Dinge zu sehen, die aus der Innenperspektive nicht oder nur schwer wahrnehmbar sind.

Supervision ist eine spezifische Form der Beratung mit dem Ziel, die Qualität beruflicher Arbeit in unterschiedli­chen Tätigkeitsfeldern zu verbessern. Dabei geht es nicht allein um die Vermehrung fachlichen Wissens, sondern auch und insbesondere um psychische und zwischen­menschliche Prozesse sowie um Organisations­strukturen und den Umgang mit externen Institutionen (z.B. Kostenträgern, Behörden oder anderen Einrichtungen). Zentrales Ziel ist außerdem die Gesunder­haltung der einzelnen Mitarbeiter/-innen durch die Förderung eines pfleglichen Um­gangs mit sich selbst und untereinander sowie durch das Aufspüren und, soweit möglich, Ver­ändern ungünstiger oder gar krank­ma­chender Arbeitsbedin­gungen.
Mein wichtigstes Anliegen als Supervisorin ist also nicht die Maximierung (oft kurzsichtig und engstirnig verstandener) Arbeitseffizienz um jeden Preis, sondern die Schaffung eines Milieus, in dem Menschen sich gekräf­tigt, ermutigt und frei fühlen, kreativ zu sein und mit Freude gute Arbeit zu ma­chen.

Durch die Schaffung von Reflexionsräumen (die ich gern als "Möglich­keitsräume" bezeichne) fördert Supervision ein vertieftes Verstehen be­ruflicher Realität, indem sie von den Supervisanden eingebrachte Situatio­nen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und reflektiert. Der persönli­che und lebensgeschichtliche Hintergrund der Supervisanden spielt dabei eine wichtige Rolle, denn erfahrungsgemäß stecken wir in unserer berufli­chen Arbeit oft gerade da fest, wo wir unbewußt mit einer ungelö­sten eigenen Problematik konfrontiert werden.
Voraussetzung für das Gelingen der Supervision ist, sich um eine re­spekt­vollen, leben­di­gen und wachstumsfördernden Atmosphäre zu bemü­hen, in der ernst­hafte Arbeit ebenso Raum findet wie spielerische Leich­tigkeit und Humor.
Supervision ist kein Unterricht oder Training, sondern besteht aus einer inter­aktiven Suchbewegung von Supervisor und Supervisand(en), also der gemeinsamen Suche nach Problemlösungen und Entwicklungsmöglichkei­ten.

Inhalte der Supervision können sein:

* Nachdenken über den beruflichen Alltag und die darin auftauchenden aktuellen Themen

* Verbesserung der Zusammenarbeit im Team (etwa durch die Bearbeitung zwischenmenschlicher Konflikte und die Förderung von Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit)

* Reflexion und Modifikation von Beziehungskonstellationen im Team, z.B. Klärung des Führungsstils und der hierarchischen Strukturen

* Klärung und Verbesserung des Umgangs mit Kunden/Klienten/Patienten (Fallarbeit)

* Überdenken der beruflichen Rolle/der beruflichen Identität und Motiva­tion

* Begleitung und Reflexion struktureller Veränderungsprozesse

* Emotionale Bewältigung belastender Ereignisse und Situationen

* Umgang mit Stress, Erschöpfung und drohendem Burnout

* Zeitmanagement

* Reflexion grundlegender philosophischer und ethischer Fragen, soweit sie relevant für die berufliche Tätigkeit sind.

Selbstverständlich besteht über alles, was in der Supervision besprochen wird, Schweigepflicht. Das bedeutet insbesondere, dass ich Dritten (Vor­gesetzten, der Trägerschaft einer Einrichtung etc.) gegenüber niemals Auskunft gebe (Anfragen aus dieser Richtung kamen in der Vergangenheit erstaunlicherweise bereits vor). Diese Verschwiegenheit ist die Grundbasis für jedes Vertrauen und jede Offenheit meiner Supervisandinnen und Supervisan­den.

Wie sieht eine Supervisionssitzung aus?

Die Gruppen- bzw. Teamsupervisionssitzung beginnt in aller Regel mit dem sogenannten "Anfangsblitzlicht". dies ist eine kurze Bestandsaufnah­me der Befindlichkeit und der Anliegen jedes einzelnen Gruppenmitglieds. Jede(r) kommt zu Wort, die Themen für die Sitzung werden vereinbart und in der Folge bearbeitet. Diese Bearbeitung kann je nach Thema und Bedürfnissen der Gruppenmitglieder sehr unterschiedlich aussehen: Erör­terung im Gespräch ist dabei ebenso wichtig wie lebendiges, praktisches Ausprobieren (Rollenspiel, Psychodrama, Skulpturarbeit usw.). Kommt es zu "Störungen" (etwa wenn sich ein Gruppenmitglied an eine persönliche Problematik erinnert fühlt und unruhig wird oder zu weinen beginnt), so haben diese Vorrang. Das heißt, sie werden so gut wie möglich geklärt und bearbeitet, bis zum ur­sprünglichen Thema zurückgekehrt werden kann. Abgerundet wird die Sitzung mit dem sogenannten "Schlussblitzlicht: Jede(r) hat jetzt noch einmal die Möglichkeit zu artikulieren, wie es ihm/ihr momentan geht und was er/sie als Ergebnis der Arbeit mitnimmt.

Grundsätzlich verläuft die Einzelsupervisionssitzung ähnlich. Auch hier werden zu Anfang und Ende der Sitzung Befindlichkeit, Erwartungen, Wünsche und Ergebnisse geklärt. Die Bearbeitung der eingebrachten Themen folgt im wesentlichen ähnlichen Prinzipien. Rollenspiel und andere Formen des erfahrungsorientierten Experimentierens nehmen auch hier einen wesentlichen Raum ein. Wie sich gezeigt hat, ist der Selbst­erfah­rungs­anteil in der Einzelsupervision meist größer als im Gruppen­setting; die Grenzen zwi­schen Supervision und Selbsterfahrung bzw. Therapie sind fließend, müssen jedoch in Übereinstimmung mit dem Supervisanden/der Supervi­sandin stets von neuem ausgelotet werden.